Im August vor drei Jahren habe ich in „An unterschiedliche Schichten gewöhnen“ über meine ersten Tage als Zugbegleiterin im Fernverkehr geschrieben. Damals waren diese Arbeitszeiten völlig neu für mich.
Ein aufmerksamer Leser hatte kommentiert, dass er glaubt das diese Wechselschichten auf die Dauer zur Belastung werden. Da ist tatsächlich etwas dran, wenn ständig alles anders und wechselnd ist kann das anstrengend werden.
Allerdings haben wir Mitarbeiter der Deutschen Bahn verschiedene Möglichkeiten unseren Dienstplan zu gestalten. Ich darf mit im Vorfeld der Planung gewisse Prioritäten wünschen. Und wenn man das geschickt macht, klappt das auch oft.
Erhalte ich dann doch mal eine Schicht, die mir gar nicht in den Kram passt, gibt es auch die Möglichkeit diese zu tauschen. Dies gelingt nicht immer aber ich habe damit schon paarmal ungeliebte Schichten los geworden.
Unregelmäßigkeit als Routine
Das klingt jetzt dramatisch und chaotisch aber es trifft es ziemlich genau. Keine Schicht ist wie die andere, auch wenn sie die gleichen Uhrzeiten und Zugnummern enthält. Denn ob die Arbeitszeit im Zug entspannt oder herausfordernd ist, hängt von ganz viel verschiedenen Faktoren ab.
Es kommt ganz darauf an, ob der Zug pünktlich ist, ob ein andere Züge ausfallen oder verspätet sind, ob Schulferien oder besondere Veranstaltungen sind, wie das Wetter ist und viele mehr.
Ein wichtiger Punkt der darüber entscheidet wie anstrengend oder stressig ein Arbeitstag empfunden wird, ist in mir selber. Wenn es mir nicht gut geht, oder die vergangenen Tage anstrengend waren und mir dies noch „in den Knochen sitzt“ kann das zusätzlich belasten.
„In den Knochen sitzen“
Dies ist so eine Redensart mit der gemeint ist das eine Anstrengung aus der Vergangenheit noch immer nicht ganz verarbeitet oder regeneriert ist. Zum Beispiel, wenn man nicht gut geschlafen hat. Oder der Klassiker ein „Kater“ von zu viel Alkohol.
Bei mir persönlich stelle ich fest, dass es mich manchmal noch Tage später belastet, wenn ich zu wenig schlafe. Mit einer oder zwei Nächten mit nur etwa 5 Stunden Schlaf komme ich klar, aber danach brauche ich dringend mehr Schlaf um das Defizit auszugleichen.
Ich habe erkannt das ich nicht meine ganze Freizeit verplanen darf, ich muss mir genug Zeitfenster zum „nixtun“, „dösen“ oder schlafen offen lassen. Deshalb muss ich in sehr vollen Wochen auch mal ein paar private Termine auslassen, obwohl ich theoretisch da wäre.
Was nicht funktioniert ist „lange Schlafen“ einplanen. Wenn ich die Tage zuvor sehr früh aufgestanden bin, kann es passieren, dass ich dann am freien Tag genauso früh wach bin. Ich muss dann abwägen, ob ich im Bett liegen bleibe oder lieber aufstehe und irgendwas erledige. Dabei muss ich auf meinen Körper hören. So kann es passieren, dass ich morgens um 6 strickend auf dem Balkon sitze, obwohl Zeit zum lange im Bett liegen wäre.
Umgekehrt darf ich mich aber nicht zu sehr unter Druck setzten a la „morgen früh erledige ich dies oder das“ manchmal will mein Körper dann einfach mal 11 Stunden Schlaf am Stück.
Drei Wecker stellen?
In „an unterschiedliche Schichten gewöhnen“ hatte ich erwähnt, dass ich vor lauter Angst zu verschlafen drei Wecker gestellt habe. Diese Angewohnheit habe ich beibehalten. Denn ich habe festgestellt das ich ruhiger einschlafe und durchschlafe, wenn ich weiß, dass ich mindestens zwei verschiedene Wecker gestellt habe.
Denn zu Anfang hatte mich die Angst vor dem Verschlafen sehr oft nachts geweckt, manchmal fast stündlich. Das ist selbstverständlich nicht gesund.
Wenn ich jedoch weiß es gib mehrere Geräte die im Abstand von 5 Minuten zu klingeln beginnen beruhigt mich das so sehr das ich durchschlafen kann. Ganz selten mal wenn ich doch mal nachts wach werde, stehe ich auf und schaue nach ob das zweite Handy wirklich den Wecker aktiviert hat.
Mittlerer Weile werde ich immer öfter kurz vor dem ersten Wecker wach. Es gibt Nächte da funktioniert es, wenn ich kurz vor dem Einschlafen ein Gerät auf 6 Uhr, eins auf 6:05 und eins auf 6:10 stelle, um 5:55 Uhr aufwache, weil mir einfällt, ich sollte die einzelnen Alarme ausschalten. Manchmal weiß ich dann noch ganz genau welche Weckzeit ich wo eingestellt hatte. Verrückt.
Die gleiche Schicht, anders als erwartet
Klar gibt es Tage da sieht man schon beim ersten Blick auf den Dienstplan, uff das wird ein langer Tag. Aber viele Stunden unterwegs sein bedeutet nicht automatisch, dass es sehr stressig wird. Manchmal sind es auch die Kurzen und vermeintlich kleinen Schichten die dann unerwartet aus dem Ruder laufen.
So hatte ich vor ein paar Monaten mal einen sehr kurzen Dienstplan. Wir sollten nur nach Karlsruhe fahren, dort eine Stunde Pause und dann wieder zurück. Das klang „auf dem Papier“ nach wenig. Diese Redensart passt auch nur bedingt, denn unsere Dienstpläne erhalten wir nicht auf Papier sondern digital auf dem Handy und Tablet.
Die digitale Form ist sehr praktisch, wenn es Änderungen gibt. Und so wurden wir darüber informiert das sich die Zugnummer des „Feierabendzuges“ geändert hat. Denn der Zug musste wegen eines technischen Defekts an dem ursprünglichen Fahrzeug mit einem Ersatzfahrzeug verkehren. Das gibts hin und wieder mal und ist meistens nicht dramatisch, einzig die Sitzplatzreservierungen können dann etwas durcheinander sein.
Da wir diesen Zug jedoch nur die letzten Stunden vor dem Endbahnhof in Basel begleiten wollten, betraf uns das kaum, denn die meisten Fahrgäste sitzen schon längst auf ihren Plätzen.
Während unserer Pause kam, die Meldung das der Zug leider eine Verspätung von 20 bis 30 Minuten hat. Auch das schockiert uns kaum. Machen wir halt etwas länger Pause in Karlsruhe.
Als wir dann schließlich am Bahnsteig standen, weil unser Zug in wenigen Minuten kommen sollte, kam eine sehr schlechte Nachricht. Es gab einen Personenunfall auf der Strecke!
Personenunfall
Diese Umschreibung gibt es immer dann, wenn ein Mensch unter einem Zug gelandet ist. Unabhängig davon, ob ein tragischer Unfall oder ein Suizid vorliegt. Es bedeutet in jedem Fall das die Strecke für die nächsten Stunden in beide Richtungen komplett gesperrt werden muss. Denn es müssen Polizei und Rettungskräfte direkt auf die Gleise. Später kommen noch Staatsanwaltschaft und Totengräber dazu.
Außerdem müssen Techniker den betroffenen Zug untersuchen, ob nichts kaputt kaputtgegangen ist. Nicht selten ist eine der Bremsen in Mitleidenschaft gezogen.
In unserem Fall war nicht unser Zug betroffen, aber er stand direkt hinter der Unfallstelle. Damit die Fahrgäste darin nicht stundenlang auf offenerer Strecke stehen wurde entschlossen den Zug ein Stück zurückfahren zu lassen bis zu einer Stelle wo er umgeleitet werden kann.
Das sowas nicht in wenigen Minuten erledigt werden kann, sollte jedem klar sein. Der Lokführer in dem Zug muss diesen Richtungswechsel alleine machen. Das heißt, er muss zuerst mal an das andere Ende des Zuges laufen. Bei modernen Triebzügen wie, den Baureihe 412, kann er dies innen durch den Zug machen.
Früher bei Lokbespannen Zügen musste er zuerst aussteigen und neben dem Zug bis zum anderen Ende gehen. Dabei ist er in der Regel alleine. Und nun bedenke bitte, dieser Mensch hat gerade die Information erhalten, warum dieses Manöver notwendig ist. Für einen Lokführer hat die Meldung „Personenunfall“ ja eine viel dramatischere Bedeutung. In so einem Moment gehen ihm sicher Dinge durch den Kopf wie „das könnte auch mir passiert sein“. Denn ein Kollege hat gerade in Ausübung seiner täglichen Arbeit einen Menschen überfahren.
Zurück zu unserem „kurzen Arbeitstag“ unser Zug musste umgeleitet werden… das brachte viel Verspätung und dann noch einen zusätzlichen Halt wegen eines Notarzteinsatzes im Zug! Offensichtlich hatte jemand der Fahrgäste durch die Aufregung einen Herzinfarkt oder ähnliches. Vielleicht ist auch jemand durchgedreht… ich weiß es nicht. Solche Details werden aus Datenschutzgründen nicht weiter gemeldet.
Durch die erneute Verzögerung wurde dann doch entgegen der Umleitungsplanung der verunfallte Zug zuerst in den Bahnhof gebracht. Nur um die Fahrgäste aussteigen zu lassen, denn das Fahrzeug durfte nicht mehr weiter verkehren.
Auf dem Bahnsteig befanden sich also hunderte leicht traumatisierte Menschen, die einfach nur nach Hause wollen…
Mit mehr als zwei Stunden Verspätung kam dann endlich der Zug, den wir begleiten sollten. Ausfallen lassen konnte man diesen nicht, denn er musste ja zusätzlich die Fahrgäste aus dem Unfallzug weiter bringen.
Normales Arbeiten?
Auf der vermeintlich kurzen Strecke von Karlsruhe nach Basel hatten wir in dem Zug extrem viel zu tun. An eine normale Fahrkartenkontrolle war Nichtmal zu denken. Wir gaben Auskünfte und halfen den Reisenden so gut es ging weiter, einen Teil von ihnen mussten wir an den Serviceschalter in Freiburg verweisen andere in Basel.
Es gab Personen, die zwar ein Handy mit dem DB-Navigator hatten und damit die Anschlüsse selber finden könnten. Aber dies nicht hinbekamen, wegen der aufwühlenden Umstände. Ich war „Nachhilfelehrerin“, „Therapeutin“ und „Seelsorgerin“ in wechselnder Reihenfolge, je nach Sitzreihe etwas anderes…
Es gab Leute, die ich beruhigen musste, andere eher ermutigen: „Doch es gibt noch einen Anschluss an ihr Ziel“.
Du kannst Dir vielleicht vorstellen das diese vermeintlich kurze Fahrzeit ganz besonders anstrengend war.
Eine „ruhige Woche“
Diese Woche hatte ich zum Glück keine solch aufreibenden Unregelmäßigkeiten. Bis auf einen kompletten Zugausfall lief es hauptsächlich nach Plan.
Heute, am Sonntagmorgen starte ich zu einer Ersatzschicht, ich werde ausnahmsweise als Gastro-Steward eingesetzt. Das heißt, ich werde heute Kaffee und Co verkaufen. Das ist meistens weniger stressig… aber man weiß ja nie, was der Tag so mit sich bringt.
In diesem Sinne wünsche ich Dir einen schönen Sonntag. Dieser Text wird beim Samstagsplausch auf Karminrot und Lesezimmer verlinkt.
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Beitragsbild
Das Beitragsbild ist ein Selfie im Dienst, vermutlich mache ich gerade frühmorgens ein Stück Gastfahrt. Denn während der Arbeit nehme ich die Brille sonst nicht ab.






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