Nachdem ich letzte Woche gleich 4 Tage lange Schichten hintereinander hatte, war diese Woche von der Planung her eher entspannt. Am Montag war ein Schulungstag eingeplant und Dienstag und Mittwoch hatte ich frei.

Deeskalationstraining

Das Thema der Schulung war Deeskalation, also der Umgang mit „brenzeligen“ Situationen. Diesmal ging es nicht um technische Dinge, sondern um zwischenmenschliches. Themen wie wir erkennen, wenn eine Person „auf Streit aus ist“ oder gar „auf Krawall gebürstet“. Im Grunde gab es dabei nichts auswendig zu lernen. Da gibt es keine Vokabeln oder Formeln. Ganz viel ist da „Bauchgefühl“ und wir wurden dabei ermutigt mehr auf dieses zu vertrauen. Einmal mehr wurden wir dahingehend geschult, Konflikte schon im Vorfeld zu vermeiden. Und für mich ziehe ich den Schuss:

„Ich muss nicht recht haben!“ Wenn das Gegenüber stur darauf besteht, ich aber genau weis das es anders ist. Dann kann ich auch mal 5 gerade sein lassen und den anderen mit seinem Standpunkt stehen lassen.

In der Praxis kann das dann auch bedeuten, dass ich zu einem “Fahrgast ohne Fahrkarte“ freundlich bin und die Sache augenscheinlich übergehe… aber ich weiß ja das ich die Macht habe, die Polizei hinzuzurufen. Und letztlich hängt es von seinem Verhalten ab, ob ich weitere Schritte veranlasse oder nicht. Ich habe die Entscheidungsfreiheit.

Schon wieder Streik

Dieses Mal war es schon sehr früh bekannt, dass ab dem 8.1. gestreikt werden könnte. Somit hatten viele Fahrgäste ihre Reise schon verschoben oder vorgezogen. Da am Montag den 8. die protestierenden Bauern die Straßen blockieren wollten entschied sich die GDL mit ihrem Arbeitskampf noch zwei Tag zu warten. Am Dienstag kam zu den Straßenblockaden dann noch das Winterwetter und viele Autofahrer hatten dadurch genauso viele Probleme. Die Gewerkschaft der Lockführer begann erst am Mittwoch ihren Streik. Mittwoch, Donnerstag und Freitag führen viele Züge nicht.

Was macht ein Zugbegleiter, wenn der Zug nicht fährt?

Das durfte ich dann am Donnerstag intensiv austesten. Zu Hause bleiben geht nicht, das wäre Arbeitsverweigerung oder Streiken… Da ich aber kein GDL-Mitglied bin, wollte ich nicht streiken. Also musste ich pünktlich in der Dienststelle in vollständiger Dienstkleidung und Ausrüstung erscheinen! Ich hatte die super spannende Schicht „Bereitschaft“… das bedeutet im Detail arbeitsbereit anwesend sein… sodass man mich jederzeit kurzfristig „in den Zug“ schicken könnte….

Effektiv habe ich mit vielen anderen Kollegen einen gemütlichen Tag in der Dienststelle verbracht, mit Kaffeetrinken, Quatschen, Lesen, Spielen, Stricken…

Ich habe tatsächlich eine ganze Socke gestrickt!

Diese Socken habe ich völlig „unheimlich“ und legal während der Arbeitszeit gestrickt. Ich frage Euch, wer von Euch hat einen Beruf, bei dem man so entspannt seinen Hobbys nachgehen kann? Ich finde meinen Job toll. Auch „Zwangsrumsitzen“ kann man positiv nutzen.

Es handelt sich um mit doppelten Garn gestrickte Bettsocken für mich selber. Denn ich trage solche dicken Socken gerne in der Wohnung anstatt Hausschuhe. Und meine beiden Lieblingspaare sind gerade kaputtgegangen. Aber dieses Erfolgserlebnis hat mich motiviert als nächstes ganz normale Socken anzuschlagen (für nicht Stricker: das Strickprojekt beginnen).

Notfallfahrplan

Am Freitag hatte ich eine Schicht auf einem der Züge die laut Notfallfahrplan verkehren. Und es war zu befürchten, dass der Zug sehr voll wird. Während dem Streik müssen wir eine Stunde vor dem eigentlichen Schichtbeginn da sein. Das ist um noch genug Zeit zu haben anderes Personal zu organisieren, falls man streikt. Okay das verstehe ich. Aber Aufgrund unserer besonderen Situation direkt an der Grenze zur Schweiz musste ich sogar zweimal eine Stunde zusätzlich „absitzen“. Mein Dienst begann gestern um 4:35 Uhr am Badischen Bahnhof. Um 5:40 gingen wir dann auf die S-Bahn zum Schweizer Bahnhof und dort mussten wir nochmals eine Stunde warten, weil die Schweizer Bahn möchte, dass wir frühzeitig da sind! Also nochmal eine Stunde im Pausenraum warten.

Unser Zug kam um 6:50 Uhr. Dann hatten wir bissel was zu tun, mussten aber dann einen Anschluss abwarten. Denn ein uns folgender Zug ist ausgefallen und die SBB wollte das wir Anschlussreisende aus der Schweiz, die auf den Folgezug wollten, mitnehmen. Also fuhren wir mit 15 Minuten Verspätung endlich los.

Wieder erwarten waren nicht viele Fahrgäste da, und auch in Freiburg wurde es nicht viel voller… Selbst in Karlsruhe war der Bahnsteig ungewohnt leer…

Und die paar Fahrgäste, die da waren, waren entspannt und dankbar dass wir unseren Dienst machen. Keine Beschwerden und Gejammer, sondern Lob und Dank.

Unsere Mittagspause hatten wir dann am Frankfurter Hauptbahnhof, den ich bisher nur Nachts so menschenleer kenne! Wirklich voll waren nur die Pausenräume für Zugbegleiter, denn dort saßen zahlreiche Kollegen ihre „Bereitschaft“ ab. Wir mussten sogar auf einen dafür frei gegebenen Schulungsraum im Obergeschoss ausweichen… überall wartende Kollegen.

Superpünktlich und wenig ausgelastet ging unser Zug wieder nach Basel. Diesmal durfte ich „am Platz Service“ in der ersten Klasse machen und bekam sehr gutes Trinkgeld von fast jedem Fahrgast. Weil diese Menschen so froh und dankbar waren, dass dieser Zug wirklich fährt. Und mir hat es richtig Spaß gemacht, weil ich für die einzelnen Menschen Zeit hatte und hier und da mich mit den Gästen unterhalten konnte. Eine häufig gestellte Frage war „wer fährt denn diesen Zug?“. Die meisten Triebfahrzeugführer, die heute im Einsatz waren, sind entweder noch in der Ausbildung (also Trainer dabei) oder sind Führungskräfte. Und es gibt ja auch noch vereinzelt Beamte. Da kaum Nahverkehrszüge und Güterzüge unterwegs waren, kamen wir fast überall pünktlich an. Also das Gegenteil von Chaos.

Zugbegleiterin im ICE

Dieses Bild stammt nicht von dieser Woche. Insinder würden vermutlich den Fahrzeugtyp erkennen. Denn es gibt ein paar Details, an denen man sieht, in welcher Baureihe ich mich da befinde.

Aber mein Outfit ist meistens so. Meine Unternehmenskleidung ist stets burgundy und dunkelblau kombiniert. Wobei ich selber aussuchen kann ob ich nun eine rote oder blaue Hose trage, genauso besitze ich den Blazer und die Weste auch in beiden Farben und kann diese austauschen wie ich mag. Ein rotes Halstuch ist für mich Pflicht (ausser im Sommer wenn es heiss ist) wobei das auf dem Bild grad etwas doof sitzt. Ich experimentiere damit noch etwas herum und suche noch nach dem für mich perfekten Styling. Die Umhängetasche ist freiwilliger Ausrüstungsgegenstand, alternativ könnte ich mir die Sachen da drin auch an den Gürtel hängen, aber das finde ich persönlich noch umständlicher.

Das Foto haben wir während der Fahrt gemacht, aber absichtlich einen Bereich ohne Fahrgäste dafür gewählt. Das war jetzt halt zufällig die erste Klasse, erkennbar an den einzelnen Ledersitzen.

Heute habe ich mein freies Wochenende (Samstag und Sonntag dienstfrei) und danach habe ich Urlaub! Und ihr werdet es nicht erraten… ich verreise mit dem Zug. Für die kommenden Tage plane ich ein paar Beiträge über diesen Beruf, meine Dienstkleidung und die Stadt in die ich nächste Woche reise. Wenn Du auf dem Laufenden bleiben willst, dann trag Dich doch unter „Willst Du mir folgen?“ in meine Mailingliste ein.

Dieser Text wird auch wieder bei Karminrot und dem Karminroten Lesezimmer unter Samstagsplausch verlinkt.

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2 Kommentare zu „Entspannt arbeiten als Zugbegleiter: Ein Erfahrungsbericht“

  1. […] Du mehr über eine Entspannte Woche als Zugbegleiter lesen willst […]

  2. […] Was macht ein Zugbegleiter wenn die GDL streikt? (Und wer fährt die Notzüge: Azubis, Führungskräfte, Beamte) […]

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ich bin Uschi

Meine Leidenschaft „unterwegs sein“ habe nun endlich durch einen Quereinstieg zu meinem Beruf gemacht. Mit über 50 habe ich einen beruflichen Neuanfang gewagt. Hier im Blog berichte ich von meinen Leben als Zugbegleiterin im Fernverkehr, meinen Konzertreisen und allem was mich sonst noch so bewegt.

Da ich mich auch gerne mit Handarbeiten beschäftige, findest Du auf meiner Seite auch einige Handarbeits-Anleitungen aus verschiedenen Bereichen.

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