Als ich mich im Frühjahr 2023 für diesen Beruf „Zugbegleiter im Fernverkehr“ entschienen habe, wurde mir klar, dass viele meiner Bekannten gar nicht genau wussten, was genau ein Zugbegleiter tut.
Du lustigste Interpretation dazu war „rennst Du neben dem Zug her?“, weil ich „begleite“? Natürlich nicht!
Den Zug überwachen
Als Zugbegleiter im Fernverkehr helfe ich dem Triebfahrzeugführer den ICE, das bis zu 400 Meter lange Fahrzeug sicher zu fahren. Triebfahrzeugführer ist die korrekte Bezeichnung für das, was der Volksmund Lokführer nennt. Lokführer wäre deshalb nicht mehr korrekt, weil moderne Hochgeschwindigkeitszüge keine Lokomotive haben, die ganz klassisch die anderen Wagen zieht. Ein moderner ICE ist ein „Triebzug“, sprich der Antrieb sowie die Bremsen sind nicht nur im vordersten Wagen, sondern auf die ganze Länge des Fahrzeugs verteilt.
Der Triebfahrzeugführer sitzt an der Spitze im „Triebkopf“ (ein Triebzug hat an jedem Ende einen) von wo aus er die Fahrt steuert. Unterstützt wird er dabei von modernster Technik, und ohne die vielen Fahrgäste könnte er auch alleine fahren.
Doch sobald in einem Bahnhof zahlreiche Fahrgäste aus und einsteigen, braucht es jemanden, der dies mit überwacht. Die Zugbegleiter schauen, ob alle Fahrgäste fertig sind, ob die Türen frei sind und letztlich auch, dass die Türen korrekt schließen.
Zwar gibt es elektronische Einrichtungen, die die Türen überwachen. Aber auch diese Technik könnte mal ausfallen oder Fehler melden. Dann braucht es einen Menschen, der schnell vor Ort ist und beurteilen kann, ob ein wirkliches Problem vorliegt. In viel kürzeren S-Bahnen zum Beispiel macht dies der Triebfahrzeugführer alleine. Aber ein ICE ist bis zu 400 m lang und es würde viel zu lange dauern, bis er dort ist, wo der Fehler gemeldet ist. Das ist einer der Gründe, warum wir Zugbegleiter auf die Fahrzeuglänge verteilt aus und einsteigen.
Fahrgäste überwachen
Während dem Aus und Einstieg schauen wir aufmerksam, ob alles gut klappt. Wir beobachten, ob nicht jemand stürzt, Gepäck oder Gegenstände zwischen Zug und Bahnsteig fallen oder gar aggressives Gedränge entsteht. Je mehr Menschen auf einem Bahnsteig sind, umso unübersichtlicher wird es und umso wichtiger ist unsere Aufmerksamkeit. Nur wenn alles in Ordnung ist, melden wir dem Zugführer „fertig“. Das ist dann dieses berühmte Winken nach dem Achtungspfiff.
Erst danach steigen wir ein und während der Zug losfährt, überwachen wir bis zum Ende des Bahnhofs die Vorgänge auf dem Bahnsteig. Alles, um im Notfall eine Notbremsung auslösen zu können.
Für die Fahrgäste da sein
Während der Fahrt sind wir vor allem für die Fahrgäste da, wir informieren, beantworten Fragen und helfen mit Verbindungen. Die Fahrkartenkontrolle ist da nur eine der Tätigkeiten, die wir ausüben. Das Verkaufen von Fahrkarten im Zug gibt es schon seit einigen Jahren nicht mehr. Denn dank der modernen digitalen Technik kann jeder Fahrgast sich bis 10 Minuten nach Abfahrt des Zuges noch online mit dem Handy ein Ticket kaufen. Tut dies der Fahrgast nicht, können wir eine sogenannte „Fahrpreisnacherhebung“ erstellen. Das ist dann für den Fahrgast richtig teuer, denn es wird der doppelte Flexpreis fällig oder mindestens 60 €. Diese kassieren wir NICHT! Sondern erstellen nur eine Rechnung, die der Fahrgast per Überweisung oder im Reisezentrum bezahlen kann. Das finde ich sehr gut, denn so haben wir keine großen Geldbeträge bei uns und laufen somit nicht Gefahr überfallen oder ausgeraubt zu werden.
Während wir durch den Zug gehen, kontrollieren wir stets, ob Fluchtwege und andere Sicherheitseinrichtungen frei zugänglich sind. In der Praxis bedeutet das allerdings, dass wir nicht selten Fahrgäste bitten müssen, ihr Gepäck korrekt zu verstauen. Den großen Koffer einfach neben der Türe stehen lassen, weil er so schwer ist, das geht nicht!
Da nicht alle Fahrgäste Deutsch sprechen, muss ich das auch oft in Englisch erklären. Und manchmal kann ich dabei auch meine Französisch-Kenntnisse einsetzen.
Natürlich müssen wir uns auch hin und wieder um zwischenmenschliche Probleme kümmern. Zum Beispiel wenn Fahrgäste sich um Sitzplätze streiten. Oder wenn einzelne Personen oder Personengruppen zu laut sind und damit andere stören. Dann ist oft Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis gefragt.
Gastgeber sein
Während der Reise sind wir auch Gastgeber. Wie eine Stewardess im Flugzeug kümmere ich mich um das Wohlergehen der Fahrgäste. Sollte jemand einen medizinischen Notfall haben, ist es meine Aufgabe Hilfe zu organisieren. Mal reicht ein Sitzplatz und ein Schluck „Notfallwasser“, aber manchmal müssen wir auch einen Arzt herbeirufen und sogar den Zug für einen Notarzteinsatz stoppen!
Des Weiteren sind wir alle für ein schnelles reagieren bei einem Brand im Zug ausgebildet. Doch dieses Wissen müssen wir hoffentlich nie einsetzten. Die meisten „Brandmeldungen“ werden von Fahrgästen, die das Rauchverbot missachten, in den Toiletten ausgelöst. Eine E-Zigarette oder ein Haarspray-Zerstäuber können den Rauchmelder ebenso aktivieren.
Für das leibliche Wohl
In der ersten Klasse unterstützen wir die Gastronomie-Kollegen beim „Am Platz-Service“ und verkaufen gegebenenfalls Speisen und Getränke.
Wenn Zeit und Kapazität da ist, bieten wir zusätzlich noch in der zweiten Klasse Kaffee oder Kaltgetränke am Platz an. Ob und in welchem Maße dies möglich ist, hängt ganz davon ab, wie viel Personal wie lange auf dem Zug ist und ob nicht andere Tätigkeiten Vorrang haben. Als Fahrgast in der zweiten Klasse kannst Du Dir Deine Speisen und Getränke jederzeit selber im Bordbistro selber holen.
Der Kaffee-Verkauf in der zweiten Klasse ist keine leichte Aufgabe, da weite Strecken im fahrenden Zug zurück gelegt werden müssen und das Ausbalancieren des Tabletts einiges an Übung erfordert. Währenddessen muss man auf so viele Dinge gleichzeitig achten. Das Gleichgewicht im beschleunigenden oder bremsenden Zug ist da nur eine Herausforderung. Was mich während dem Kaffee verkaufen noch mehr stresst und ablenkt sind andere Fahrgäste, die vorbei wollen. Ich achte also gleichzeitig auf mein Tablet, mein Handy, das Geld oder Zahlungsmittel und den „Verkehr“ hinter mir.
Multitasking im Zug
Nicht jeder Zugbegleiter im Fernverkehr macht diesen „am Platz „Service“ gerne. Im Idealfall haben wir dafür auch einen oder mehrere „Strewards“ an Bord. Diese Mitarbeiter sind dann nur für die Gastronomie speziell ausgebildet und nicht für das Abfertigungsverfahren und die Fahrzeugtechnik.
Bei Fahrgastfragen über Anschlüsse und ähnliches können wir Zugbegleiter besser helfen. Für den Außenstehenden ist das manchmal verwirrend, weil das gesamte Bordpersonal die gleiche Unternehmenskleidung trägt. Sollte ein Notfall vorliegen, können wir alle gleichermaßen reagieren.
Wir sind für die Sicherheit da
Unsere Hauptaufgabe im Zug ist es, da zu sein, um im Bedarfsfall schnell genug Hilfe zu leisten oder holen zu können. Dabei ist das Handy unser wichtigstes Arbeitsgerät. Nicht selten sind wir auch mit zwei oder mehr Geräten unterwegs. In manchen Fahrzeug-Modellen haben wir dann zusätzlich noch ein Schnurlos-Telefon dabei.
Wenn Du also einen Zugbegleiter siehst, der an seinem Handy fummelt, dann bedeutet das nicht das er gerade gelangweilt die Zeit überbrückt. Einen großteil unserer Arbeit machen wir mit diesem Gerät. Fahrgäste zählen und Defekte oder Verschmutzungen melden ist nur eines davon.

Einfach da sein
Es gibt verschiedene Streckenabschnitte auf denen es aus Sicherheitsgründen notwendig ist das wir Mitarbeiter in einer ausreichenden Anzahl anwesend sind. So zum Beispiel die Hochgeschwindigkeitsstrecken oder längere Tunnel.
Unter Umständen haben wir dann kurzfristig einfach nur den Job in den eingeteilten Bereich des Zuges gehen und dort anwesend sein. (Um im Notfall reagieren zu können). Das sind dann so Momente, wo ich dann auch mal einfach nur dasitzen und aus dem Fenster gucken kann. Doch spätestens vor dem nächsten Bahnhof muss ich dann wieder aktiv werden.
Manchmal besteht meine Arbeit darin, von A nach B zu fahren, um danach von B nach A anwesend zu sein. Klingt für den Laien etwas unlogisch, ist aber nicht zu vermeiden. Oft ist es meine Hauptaufgabe, meine Arbeitskraft an den richtigen Ort zu bringen.
Manchmal wirkt unsere Arbeit sehr entspannt und gelangweilt, weil wir uns nach Möglichkeit setzten oder anlehnen. Das hat weniger was mit Müdigkeit zu tun, sondern hat einen Sicherheitsaspekt. Im Falle einer unvorhergesehenen Bremsung stürzen wir nicht so leicht.
Was braucht man für diesen Beruf?
Das Allerwichtigste: Man muss „mit Menschen können“.
Wir treffen auf engem Raum in kürzester Zeit auf sehr viel verschiedene Menschen. Damit sollte man umgehen können.
Sprachkenntnisse in Englisch sind da sind dabei auch sehr wichtig, denn wir haben nicht selten internationale Fahrgäste. Wenn Du eine weitere Sprache bissel kannst, ist das von Vorteil.
Keine Platzangst! Keine Angst vor vielen Leuten!
Spaß am Reisen und Unterwegs sein… die Frage „Wo sind wir gerade?“ sollte Dich nicht in Angst versetzten… diese stelle ich mir in jeder Schicht mehrmals.
Orientierungssinn; wo ist das Bordrestaurant? Wo sind die Aufzüge im Bahnhof? Sind wir noch vor Mannheim? Solche Fragen beschäftigen uns permanent. Aber alles muss man nicht wissen können, nur wissen, wo man es nachsieht (Zugplan, Hinweisschilder oder sogar Google Maps)
Umgang mit Kommunikationsgeräten. Ohne Handy und co bist Du aufgeschmissen. Aber den Umgang mit den benötigten Apps lernst Du schnell.
Mehr über meine Ausbildung zum Zugbegleiter im Fernverkehr unter „Abschlussprüfung“
Viel Spaß
Wir Zugbegleiter verabschieden uns in den Pausenräumen sehr oft mit „Komm gut an“ oder „Viel Spaß“. Denn es ist wichtig, dass wir unseren Job mit Spaß und Freude machen. Auch wenn wir das gefühlt hundertste Mal in Frankfurt in einen vollen ICE Baureihe 412 steigen. Trotz Verspätungen und Ausfällen sollte es uns nach wie vor Freude machen, uns um unsere Fahrgäste zu kümmern.
Wenn Du mehr über eine Entspannte Woche als Zugbegleiter lesen willst hierlang.

Mein Fazit
Nach knapp einem Jahr Berufserfahrung muss ich sagen, dass es die richtige Entscheidung für mich war diesen Beruf zu wählen. Für mich ist es ein Traumjob. Abwechslungsreich und spannend und ich habe stets mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun.
Ich persönlich hatte bis jetzt noch nie mit aggressiven Fahrgästen zu tun, und die paar wirklich nörgelnde Leute versauen mir nicht den Tag. Im Zug habe ich ja immer das ultimative Argument: „ja ich ärgere mich auch über diese Verspätung, ich bin ja mit ihnen in dem gleichen Zug“. Beschwerden und Reklamationen gab es früher im Einzelhandel auch, die 30 Jahre Berufserfahung dort helfen mir jetzt auch sehr mit Kritik umzugehen.
Wenn ich Dein Interesse geweckt habe und Du Dich als Zugbegleiter im Fernverkehr bewerben möchtest findest Du hier Gelegenheit dazu: „Dein Einstireg bei der Deutschen Bahn“
Weitere hilfreiche Links: Ausbildungs Info
Persönliche Erlebnisse als Zugbegleiter:
- „Hinter den Kulissen: Zugbegleiter“
- „Baden-Baden und zurück“
- „Ein Zugbegleiter Wochenende“
- „Wie vertrage ich die Schichten als Zugbegleiter“
- Unterwegs zur Arbeit
- So geht man mit Unregelmäßigkeiten und Verspätungen um
- Fahrpreisnacherhebung







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