Diesen Text aus dem Frühjahr 2023 habe ich geschrieben als ich nach einer Leistenbruchoperation krankgeschrieben war. Vor meinem Quereinstieg bei der Deutschen Bahn. Also noch als ganz normaler Fahrgast.

Reisen, wenn man krank ist?

Weil ich sehr unsicher war, was ich nun wirklich darf und was nicht, habe ich meine Hausärztin beim letzten Kontrolltermin direkt gefragt. Da ich noch starke Schmerzmittel nehme, sollte ich nicht selbst Auto fahren. Meine Verkehrstüchtigkeit könnte eingeschränkt sein.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen ist dagegen erlaubt. Da man von Lörrach aus immer über Basel fahren muss, fragte ich auch gleich, ob der kurze Aufenthalt in der Schweiz ein Problem ist. Nein, ist er nicht. Innerhalb der EU und der Schweiz gibt es keine medizinischen Bedenken.

Aber was ich absolut nicht darf: Gepäck tragen!

Über das Wochenende zu meiner Schwester

Das lange Wochenende mit dem Maifeiertag am Montag wollte ich unbedingt nutzen, um meine Schwester in Stuttgart zu besuchen. Viel Gepäck kam allerdings nicht infrage. Ich durfte ja nichts Schweres heben.

Meine Lösung war ein Einkaufsrolli. Dort hinein passten gerade meine Wechselunterwäsche und der Toilettenbeutel. Zum Glück trägt meine Schwester fast die gleiche Größe wie ich. Wir haben schon öfter Kleidung getauscht. Also konnte ich mir Pyjama und Wechselkleidung einfach von ihr ausleihen.

Und plötzlich sind die Wege so weit und die Hürden so hoch!

Zugegeben, ich habe mich mit der Idee, allein mit dem Zug nach Stuttgart zu fahren, wohl etwas übernommen. Mein Rolli war zwar sehr leicht. Hochheben durfte ich ihn aber trotzdem nicht. Und genau das war das Problem!

Habe ich schon erwähnt, dass ich im zweiten Stock wohne? Der beladene Rolli musste ja irgendwie die Treppe herunterkommen. Nach etwas Experimentieren entwickelte ich eine Technik, wie ich ihn die einzelnen Stufen hinuntergleiten lassen konnte, ohne meine Bauchmuskeln zu beanspruchen. Ich brauchte dafür nur etwa zehn Minuten.

Hinüber zum Bahnsteig der S-Bahn war es nicht so weit. Das sind nur etwa 50 Meter Luftlinie. Trotzdem musste ich dort erst einmal die Bank nutzen, um mich von der ersten Anstrengung auszuruhen.

Noch auf dem Bahnsteig in Lörrach sprach ich ein paar Passanten an und fragte, ob sie auch am Badischen Bahnhof in Basel umsteigen würden. Ich fand eine junge Frau, die auf meine Frage: „Können Sie mir in Basel mit dem Rolli helfen?“ sofort antwortete, dass sie mir das Teil auch die Treppe hinuntertragen würde.

Am Badischen Bahnhof in Basel liegen die Bahnsteige nicht auf der gleichen Höhe wie der Zug. Man muss das Gepäckstück also immer kurz anheben. Außerdem gibt es an den Bahnsteigen der S-Bahn weder einen Lift noch eine Rampe.

Die Bahnsteige für den Fernverkehr haben dagegen eine Rampe. Dort konnte ich den Rolli aus eigener Kraft hochziehen. Aber wie?! Im Schneckentempo! Sogar zwei Senioren mit großen Reisekoffern überholten mich. Irgendwann kam ich oben an, allerdings völlig erschöpft.

Rollstuhlfahrer auf dem Bahnsteig

Auf dem Bahnsteig fiel mir ein Rollstuhlfahrer auf. Wie macht der das eigentlich? Neben ihm stand ein Bahnmitarbeiter mit einer Hebebühne.

Zielstrebig ging ich auf den Mitarbeiter zu und fragte, ob er mir auch mit meinem Rolli helfen könne. „Natürlich“, antwortete er sofort.

Nachdem er den Mann im Rollstuhl in den Zug gehoben hatte, griff er nach meinem Rolli.

„Oh, ist der leer?“

Ja, fast.

Die Hürde Basel war also geschafft.

Anmerkung 2026: Anmerkung 2026: Dieser Bahnmitarbeiter mit der Hebebühne gehört übrigens zum Mobilitätsservice der Deutschen Bahn. Diesen kann man bis zu 24 Stunden vor der Abfahrt beauftragen. Dafür braucht man weder einen Schwerbehindertenausweis noch eine Rollstuhlreservierung. Den Service kann man auch nutzen, wenn man nur vorübergehend eingeschränkt ist, zum Beispiel mit einem Gipsbein.

Umsteigen in Karlsruhe

Das war gar kein Problem, denn dort stimmt die Bahnsteighöhe und es gibt überall Rolltreppen.

Weite Wege am Stuttgarter Hauptbahnhof

Am Stuttgarter Hauptbahnhof ist seit Jahren eine riesige Großbaustelle. Direkt unter dem alten Kopfbahnhof wird ein unterirdischer Durchgangsbahnhof gebaut. Deshalb müssen die Fußgänger einen Umweg um die Baustelle machen.

Stuttgart 21 heißt dieses Mammutprojekt. Eigentlich sollte es schon 2021 fertig sein. Doch wegen zahlreicher Probleme verzögert sich alles noch um Jahre.

Im November 2021 habe ich Stuttgart 21 einen ganzen Blogpost gewidmet. Und heute eineinhalb Jahre später ist die Situation für Fußgänger viel besser, oder doch?

Mobilitätshilfe für Fussgänger am Stuttgarter Hauptbahnhof

Doch die Situation ist besser geworden. Die Holzbrücken wurden inzwischen durch fest betonierte „Fußgängertrassen“ ersetzt. Diese sind durchgehend barrierefrei.

Allerdings geht es auch mal etwas bergauf und bergab. Und die Wege sind nach wie vor sehr weit, weil man noch immer um das Baugebiet und das ehemalige Bahnhofsgebäude herumgeleitet wird.

Mittlerer Weile ist der lange Fußweg schon so bekannt das er ironisch „Fernwanderweg S 21“ genannt wird und eine entsprechende Wanderung bei Komoot hinterlegt ist. Dabei kommt man übrigens auch an die Pferdle und Äffle-Ampel. Und diese hat auch schon einen eigenen Blogpost bei mir.

Wollen Sie mit fahren?

Auf der Rückreise, als ich von der Stadtbahn auf den ICE umsteigen wollte, kam mir dieses rote Fahrzeug entgegen. Der freundliche Fahrer sah mir wohl an, dass ich nicht gut zu Fuß bin.

„Wollen Sie mitfahren?“, fragte er.

Ich freute mich sehr, dass er mich ansprach. Ich hätte mich sonst niemals getraut zu fragen. Ich dachte nämlich, diesen Service dürfen nur angemeldete Gehbehinderte mit Ausweis nutzen.

Nö. Wer möchte, darf einsteigen und bis zum anderen Ende der Umleitung mitfahren.

Dass ich mein Gepäck nicht selbst aufladen konnte, war ebenfalls kein Problem. Der freundliche Fahrer half mir nicht nur damit, er schlug sogar vor, das Foto oben zu machen.

„Gestern war hier ein YouTuber, der hat die Fahrt gefilmt“, erzählte er.

gute Laune in der „Mobilitätshilfe“

Der Fahrer hat dem Foto ausdrücklich zugestimmt, er guckt nur nicht, weil wir gerade fahren.

Hilfsbereitschaft

Die Fahrt mit dem Golfcaddy hat mir echt geholfen und ich war sehr dankbar für diesen Service. So war ich frühzeitig am Bahnsteig und konnte mich noch einmal kurz auf eine Bank setzen.

Dabei beobachtete ich das Treiben auf dem belebten Bahnsteig. Eine Bahnmitarbeiterin sammelte Fahrgäste ein, die nach Berlin wollten. Die Durchsage, dass der Zug nach Berlin wegen einer Störung von Gleis 5 abfährt, dudelte bestimmt schon zum zehnten Mal.

Trotzdem gab es immer noch Wartende, die erst auf ihre Frage: „Wollen Sie nach Berlin? Kommen Sie mit auf Gleis 5!“ reagierten. Bestimmt 30 oder 40 Personen folgten ihr.

Als sie weg waren, sah ich zwei Frauen, die sich in Gebärdensprache unterhielten und etwas verwirrt wirkten. Die beiden waren wohl gehörlos und hatten nicht verstanden, was los ist.

Ich nahm mein Handy und tippte „Berlin Gleis 5“ ein. Dann humpelte ich zu den beiden hinüber und hielt ihnen das Display hin. Sie bedankten sich und rannten sofort zum anderen Gleis.

So konnte ich trotz meiner eigenen „Behinderung“ anderen Fahrgästen helfen.

Beim Ein- und Umsteigen hatte ich jedes Mal nette Menschen, die mir geholfen haben. Niemand stellte sich an oder weigerte sich. Ich habe allerdings immer darauf geachtet, niemanden anzusprechen, der selbst schon sehr viel Gepäck hatte.

Ich finde es toll das man überall Menschen findet die hilfbereit sind! Denn ohne die Hilfe von Wildfremden hätte ich die Reise gar nicht bewältigen können.

Auf diesem Bild siehst Du eines dieser Hindernisse, die man oft gar nicht beachtet, wenn man gesund ist und alles funktioniert. Ein Rollstuhl hat hier keine Chance aber schon ein Rollator oder ein rollendes Gepäckstück, das ich selber nicht heben konnte sind an so einem Einstieg auf die Hilfe anderer angewiesen.

Das Bild ist in einem EC aufgenommen. Diese Züge sind oft mit älterem Wagenmaterial unterwegs und deshalb nicht barrierefrei. Übrigens ob ein Zug barrierefrei ist oder nicht, und ob und wo es Mobilitätshilfen gibt kann man Hier erfahren:

Update 2026: Das oben gezeigte Fahrzeug ist nicht mehr als Eurocity unterwegs, stattdessen verkehrt nun der neue Giruno. Der über Türen auf Bahnsteighöhe verfügt und damit Barrierefrei ist.

Fazit:

Der Ausflug nach Stuttgart war in meinem Zustand schon etwas anstrengend. Aber ich bin dankbar um diese Erfahrung. So hab ich es selber mal erlebt wie es ist, wenn man nicht ganz so kann.

Update 2026: Diese Erfahrung hilft mir auch heute im Umgang mit Mobilitätseingeschränkten Reisenden. Weil ich es selbst mal erlebt habe kann ich mich besser in deren Situation hineindenken.

4 Kommentare zu „Bahnfahren nach einer Operation“

  1. […] eine Woche vergangen in der ich seit dem letzten Samstagsplausch nicht gebloggt habe. Die Gründe dafür sind vielschichtig… aber eins nach dem […]

  2. […] eine Woche vergangen in der ich seit dem letzten Samstagsplausch nicht gebloggt habe. Die Gründe dafür sind vielschichtig… aber eins nach dem […]

  3. Avatar von Regula Babajeza

    Menschen sind nett und hilfsbereit. Vielleicht oft in der eigenen Welt absorbiert. Schön, dass deine Reise möglich war. Hüttenkoller tut der Heilung gar nicht gut. Gute Genesung wünsche ich dir. LG von Regula

  4. Avatar von heldendervorzeit

    Mir ist auch schon aufgefallen, dass man viele nette Leute trifft, wenn man Hilfe braucht – was wahrscheinlich auch daran liegt, dass eben nur die netten anderen helfen 😉
    Dir weiterhin gute Besserung!
    Liebe Grüße
    Nanni

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ich bin Uschi

Meine Leidenschaft „unterwegs sein“ habe nun endlich durch einen Quereinstieg zu meinem Beruf gemacht. Mit über 50 habe ich einen beruflichen Neuanfang gewagt. Hier im Blog berichte ich von meinen Leben als Zugbegleiterin im Fernverkehr, meinen Konzertreisen und allem was mich sonst noch so bewegt.

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