Bei der Deutschen Bahn läuft nicht immer alles so rund wie es soll. Noch nie zuvor gab es so viele große Baustellen gleichzeitig und noch nie waren so viele Züge unterwegs. Es kommt immer wieder zu Unregelmäßigkeiten von denen wir Zugbegleiter natürlich als erster betroffen sind.
So eine leicht chaotische Schicht hatte ich letzte Woche. Als ich mir die geplante Schicht paar Tage zuvor näher angeschaut habe dachte ich „Ach das ist ja entspannt“, denn sie beinhaltete zu Anfang und zum Ende jeweils fast Stunden „Gastfahrt“. Dies bedeutet, dass wir Zugbegleiter in dem zugewiesenen Zug gar nicht arbeiten sondern uns wie normale Fahrgäste fahren lassen.
Zu Anfang, nach meinem Quereinstieg bei der Deutschen Bahn, haben mich solche Schichten etwas genervt. Weil ich es langweilig fand und dachte „ich will lieber etwas tun“. Doch schon bald lernte ich auch solche Planungen schätzen und für mich nutzen.
Deshalb habe ich stets mein Strickzeug dabei. So kann ich still sitzen, den Körper schonen und trotzdem etwas Produktives tun. Zusätzlich entspannt mich das, wenn meine Finger etwas Schönes gestalten, das brauche ich auch manchmal zum „abschalten“.
Eine lockere Schicht
Doch wie so oft, wenn man vorher denkt, ach die Schicht wird locker kommt irgendwas Unerwartetes dazwischen und es wird dann doch anstrengend.
So geschehen letzten Sonntag. Planmäßig sollten wir nach Kassel-Wilhelmshöhe, dort eine Stunde Mittagspause machen und dann mit einem Giruno zurück nach Basel. Über dieses moderne Fahrzeug der Schweizerischen SBB habe ich schon mal einen Blogpost geschrieben.
In dem verlinkten Text hatte ich die besonderen Toiletten erwähnt, über die ich längst schon mal schreiben wollte. Denn diese haben ein paar Besonderheiten, die es in den ICEs nicht gibt. Eine davon sind die Schiebetüren mit denen manche Fahrgäste ihre Mühe haben. Diese Türen sind so konzipiert das sie nicht auf und zu schlagen können wenn der Zug bremst oder beschleunigt. Eigentlich eine gute Sache. Doch nicht jeder kapiert wie sie bedient werden.

Auf der Suche nach einem Foto aus dem Giruno ist mir dieses ins Auge gestochen, angsichts der augenblicklichen Temperaturen finde ich hier die Schneebedeckte Landschaft vor dem Fenster sehr attraktiv.
Moderne Hightech-Toiletten
Das eine Toilettenanlage in einem Hochgeschwindigkeitszug eine computergesteuerte Absaugung benötigt habe ich noch gar nicht in meinem Blog thematisiert. Gäbe es das nicht ,würde einem beim Versuch zu spülen die Sache um die Ohren fliegen. Das wollen wir jetzt nicht vertiefen!
Jede einzelne Zugtoilette hat einen eigenen Computer und Schaltschrank der sie steuert. Fällt dieser aus geht nichts mehr. Oft noch nicht mal das Handwaschwasser. Denn auch hier muss der Wasserdruck richtig geregelt werden.
Betrifft ein Defekt nur eine Toilettensteuerung, hat man ja noch die anderen. Und somit eine funktionierende Toilette.
Nach meinen Informationen werden im Giruno immer zwei oder sogar alle drei zusammenhängenden Toiletten gemeinsam gesteuert. Also Wasserdruck, Absaugvakuum und… die modernen elektronisch gesteuerten Schiebetüren.
Eine Toilettenanlage im Giruno kann sich selber verschließen und einen Reinigungsvorgang durchführen. Das machen im Idealfall alle Toiletten während der Fahrt nacheinander, nicht gleichzeitig. Du verstehst, dass dies also irgendwo irgendwie zentral gesteuert wird.
Eine solche ausgeklügelte und moderne Technik muss auch hin und wieder von Fachleuten gewartet und repariert werden. Weiter oben habe ich erwähnt, dass es sich bei dem Giruno um ein Fahrzeug handelt, dass der Schweizerischen Bundesbahn gehört. Also sind die Fachleute, die Technik reparieren können in der Schweiz zu finden.
Rückfahrt von Kassel nach Basel
Geplant war also das wir mit einem Giruno von Kassel nach Basel fahren. Doch kurz bevor wir in Kassel ankamen informierte man uns „Euer Zug fällt aus!“. Der Giruno in Doppeltraktion (also zwei komplette Triebzüge aneinander) musste in Hannover evakuiert werden.
Nicht etwa wegen eines Personenunfalls oder einem Defekt am Antrieb oder Bremsen. Nein das Problem waren die Toiletten! Im kompletten Zug zeigten diese „Störung“ und verschlossen sich selbst. Ein Zug von Hannover bis Basel ohne Toiletten ist nicht Menschenwürdig und deshalb entschloss man sich den Zug enden zu lassen.
Die Fahrgäste konnten umsteigen auf den darauf folgenden ICE. Dadurch war dieser allerdings sehr überfüllt, denn es kamen plötzlich zusätzlich Menschen aus 22 Wagen Giruno dazu.
Jetzt kommt aber das eigentliche Problem!
An dem Abend gab es eine geplante Streckensperrung zwischen Karlsruhe und Offenburg wo gerade die Anschlussstelle für den Tunnel bei Rastatt gebaut wird.
Der letzte Zug, der vor der Sperrung nach Süden passieren sollte, wäre der Giruno gewesen, der ICE danach sollte Fahrplangemäß in Karlsruhe enden.
Wegen der kaputten Klos bei Hannover wären so hunderte Menschen, die in die Schweiz wollen in Karlsruhe gestrandet. Denn ab da gab es nur noch Regionalzüge mit Schienenersatzverkehr.
Wie kommen wir nach Hause?
Als wir die Information bekamen, das unser Zug nicht fährt, haben wir gleich mal den DB-Navigator bemüht, um eine Verbindung nach Basel zu finden. Dieser zeigte uns ab Karlsruhe nur noch Regionalzüge und Ersatzbusse an und wir wären damit dann nach 5 Uhr morgens in Basel.
Meine Zugchefin regte sich auf. Das ginge doch nicht, man müsse sich doch darum kümmern, dass wir entweder ein Hotel oder ein Taxi nach Basel bekommen. Ich versuchte noch ruhig zu bleiben und sah in meinem Zugbegleiterkoffer nach. Dort hatte ich tatsächlich für den Notfall frische Unterhosen, Zahnbürste und Deo. Aber keine Schlafsachen oder Wechselkleidung für den nächsten Tag.
Eine ungeplante Übernachtung wäre zwar machbar aber suboptimal.
Alleine eine Lösung finden
Die Verkehrsleitung hatte uns signalisiert, dass ich uns nicht gleich helfen können, weil gerade sehr viele Menschen irgendwo standen und sie sich zuerst um die Fahrgäste kümmern müssen. Also blieb uns nur Eigeninitiative.
Ich stellte mir die Frage „Warum endet der Zug?“ und fand heraus, dass es das oben beschriebene Toilettenproblem ist. Meine Folgerung war „der Zug muss zur Reparatur zurück in die Schweiz“ und „da wollen wir auch hin“.
Während die Zugchefin schimpfend versuchte jemanden von der Verkehrsleitung zu erreichen, habe ich eigenmächtig einfach den Lokführer des Zuges angerufen.
Dieser war tatsächlich noch unterwegs und auf meine Frage „wo bringst Du den Zug hin?“ antwortete er „Keine Ahnung ich werde in Kassel abgelöst“. Und genau das war mein Hoffnungsschimmer. Wenn der leere Zug in Kassel anhalten muss, weil der Lokführer wechselt, dann können meine Kollegin und ich vielleicht mit einsteigen.
Und so kam es das uns der ablösende Triebfahrzeugführer mit in den Zug nahm. Allerdings war dieser ja für Fahrgäste verschlossen, also Licht aus und alle Türen verriegelt, wir mussten über eine Leiter in die Lok (korrekte Bezeichnung Triebkopf) einsteigen. Das war etwas unkomfortabel mit unseren schmalen Röcken. Aber wir waren trotzdem froh, dass wir mit durften.
Theoretisch hatten wir für etwa 1,5 Stunden einen ganzen Zug für uns alleine! Aber ohne Klo, Licht und Anzeigen. Wir konnten nur bis Frankfurt in dem Zug mitfahren da dieser dort abgestellt wurde. Aber wir waren froh nun schon ein wenig näher an der Heimat zu sein.
Fahrplanänderung
Auch ab Frankfurt am Main gab es an dem Sonntagabend keinen fahrplanmäßigen Zug nach Basel! Wegen der besagten Baustelle.
Doch dann wurde der Fahrplan geändert, damit die vielen Fahrgäste aus dem ausgefallenen Zug irgendwie bis Basel kommen. Man entschied das der nachfolgende ICE „verlängert“ wird und bis Basel fährt. Das war unsere Chance nach Hause zu kommen.
Solche Situationsbedingten Änderungen gibt es jetzt immer häufiger. Um sowas rechtzeitig zu erfahren braucht man den DB-Navigator. Deshalb rate ich jedem diesen auf dem Handy installiert zu haben.
Letztendlich kamen wir um 0:40 Uhr in Basel an und waren glücklich, dass wir keine Odyssee mit Bussen machen mussten. Zum Glück konnte mich die Zugchefin mit ihrem PKW nach Hause fahren, denn öffentliche Verkehrsmittel gibt es um diese Zeit nicht mehr.
Aus eine „so lockeren Schicht“ wurde ein echtes Abenteuer!
Hier eine passende Musik:
Wer bringt Dich nach Hause?
Diese Frage hätte ich mir bei dieser Schicht mehrfach stellen müssen. Andere hätten in so einer Situation vielleicht Angst. Ich war jedoch die ganze Zeit über zuversichtlich und ruhig. Irgendwie wird es schon klappen!
Denn ich vertraue darauf Jesus Christus, ich weiß, dass er immer auf mich aufpasst und einen guten Plan für mich hat. Auch wenn Züge ausfallen und kurzfristig Chaos entsteht weiß er wie ich sicher nach hause komme.
Dieser Beitrag wird als Samstagsplausch bei Karminrot und dem Lesezimmer verlinkt.





Kommentar verfassen