Wie vertrage ich die Schichten als Zugbegleiter im Fernverkehr?

In diesem Beitrag möchte heute die ersten Schlüsse ziehen wie gut ich die wechselnden Schichten vertrage.

Ich stelle fest, dass je länger ich keine „normalen Arbeitszeiten“ mehr habe, umso besser komme ich damit klar. Ich entwickele für mich selber ein eigenes und neues „normal“.

Was ist schon normal für einen Zugbegleiter?

Es ist normal , dass wenn mich jemand fragt „wie arbeitest Du am kommenden Donnerstag“ ich erst auf meinem Dienstplan im Tablet nachsehen muss. Denn es gibt kaum Regelmäßigkeiten, die ich im Kopf behalte. Ich weiß dann vielleicht das ich am 17. sehr früh anfangen muss, aber ob das ein Donnerstag ist, bleibt nicht hängen. Ich merke mehr und mehr, wie ich manche Informationen selektiere. So zum Beispiel wo ich morgen hinfahre, ist für mich bis zum Dienstbeginn zweitrangig. Fakt ist immer ich fahre von Basel nach Basel und dazwischen durch viele verschiedene Bahnhöfe, die ich so langsam mehr oder weniger kenne.

Ach was ich kenne oft nur die Bahnsteige und ein paar markante Gebäude kurz vor und kurz nach dem Bahnhof. Viel wichtiger ist zu wissen ob der Zug länger hält. um auf umsteigende Fahrgäste zu warten oder ob der Bahnsteig eine Kurve macht. Denn wenn letzteres der Fall ist muss ich meinen Standort dementsprechend wählen.

Als Zugbegleiter den richtigen Standort wählen

Das ist eine interessante Aufgabe in einem fahrenden Zug. Als Erstes muss man sich klarmachen, nächster Halt ist XY, dort halten wir auf Gleis 3 ist dieses Gerade oder gebogen, wenn ja in welche Richtung. Denn eine Biegung in Richtung Bahnsteig ist einfach zu handeln, da sieht man die anderen Türen sehr gut. Ist das Bahnsteig jedoch in Richtung des Zuges gebogen, dann wird es schwieriger. Hier muss ich nun meinen Standort so wählen das ich durch ein paar Schritte zurück um meinen Wagen herum sehen kann. Stehe ich falsch, ist der Weg zu weit oder gar nicht möglich.

Es nützt auch nur bedingt etwas sich zu merken das man im Bahnhof xy am Wagen 4 stehen muss… denn die unterschiedlichen Züge sind manchmal verschieden gereiht, statt wagen 4 brauche ich dann Wagen 11. Ganz selten auch mal Wagen 26/36 oder gar die 302 … verwirrend, nicht wahr.

Dann habe ich ja fast jede Schicht einen anderen Zugchef, der Anweisungen gibt wie „geht mal etwas nach vorne“… meint aber damit ich soll eine kleinere Wagennummer wählen, die entgegen der Fahrtrichtung liegt… manchmal liegt es an der Ausdruckweise und manchmal auch an mir selbst, weil ich mitten während der Fahrt nicht mehr weis, wo vorne und hinten ist. Das kann passieren, wenn ich mich im Zug auf Tätigkeiten konzentriere, bei denen ich paarmal umdrehe.

Ganz schwierig finde ich, wenn mich jemand auf dem Diensthandy anruft und fragt „wo bist Du?“ ääähm… fragt das jemand, der mit mir im 276 nach Berlin ist, dann weiß er das wir gleich in Mannheim einfahren. Dann muss ich antworten „im Wagen 11 bei der Fahrkartenkontrolle“. Ist das aber ein Anruf von außerhalb des Zuges, muss ich ganz anders antworten. Auch darf ich meinen Kollegen niemals sagen „komm nach vorne, oder nach hinten“, hier braucht es exakte Angaben wie Wagen, Sitznummer oder Türbezeichnung. Diese gilt es in der Situation schnell genug zu finden.

Wie vertrage ich „morgen früh“?

Ich wollte heute ja über die zeitliche Orientierung schreiben. Also darüber wie ich damit klarkomme das dieses „Morgen früh“ sehr unterschiedlich sein kann. Diese Woche hatte ich es ganz human, ich habe an drei aufeinander folgenden Tagen genau gleich angefangen. Mein erster Zug war dreimal derselbe. Das ist aber eher Zufall. Feierabend hatte ich zu drei verschiedenen Uhrzeiten. Und das, obwohl alle Züge pünktlich waren. Ich war verschieden geplant. Und das ist wiederum auch „normal“.

Da muss ich dann auch etwas aufpassen, ich befinde mich zwar im gleichen Zug, der zur gleichen Zeit die gleichen Bahnhöfe anfährt. Ich muss nur an einem anderen Bahnhof absteigen, Pause machen und später mir einem anderen Zug zurück. Du hast sicher Verständnis dafür, dass ich mein Diensthandy, auf dem ich diese Planungen jederzeit nachsehen kann, gerne permanent bei mir habe. Wirklich! Ohne das Gerät gehe ich höchstens mal auf Toilette. Ansonsten habe ich es gerne jederzeit griffbereit, um zu sehen „wo bin ich und wie viel Zeit habe ich noch“.

Gibt es eine Regelmäßigkeit?

Diese Woche bin ich dreimal morgen um 5 aus dem Haus, um zum Dienst zu fahren. Zurück kam ich unterschiedlich. Am 24.12. war es gegen 15 Uhr, aber es war düster und schüttete wolkenbruchartig. Zu Hause warteten meine Schwester und meine Mutter auf mich und ich begrüßte sie mit dem abgewandelten Weihnachtsgedicht „von draus vom Bahnhof komm ich her, ich muss Euch sagen es schüttet gar sehr…“ Später wurde es dann doch Weihnachtlich, siehe „So war mein Weihnachten“

Am 25.12. war ich dank eines Zugausfalles viel früher zurück. Meine Schwester und ich konnten einen längeren Spaziergang in der wunderschönen Wintersonne machen. Wir hatten es nicht geplant, doch dann wir sind fast 10 Km gelaufen… und das nach meiner Arbeit… früher im Einzelhandel hätte ich das nicht gepackt!

Am 26. hatte ich wieder den gleichen Startzug den wir diesmal bis nach Fulda begleiteten. Dort hatte ich fast 2h Pause, diese nutzte ich sogar, um mich mit einer Freundin zum Kaffee zu treffen. Als ich nach Hause kam, wurde es schon fast dunkel.

Den darauffolgenden Tag konnte ich ausschlafen, nein musste ich sogar, denn am Abend musste ich in die Nachtschicht um 22 Uhr. Um mich in diesen anderen Rhythmus einzugroofen war ich am Abend bei einer Karaokeparty im Heimathafen, allerdings hielt ich nur bis Mitternacht durch, weil ich ja schon seit 4 Uhr auf den Beinen war.

Um in der Nacht fit zu sein, habe ich am späten Nachmittag einen Mittagsschlaf gemacht. Wobei ruhig schlafen da nicht so leicht war, ich wurde mehrfach wach, weil ich Angst hatte zu verschlafen.

Die Nachtschicht mit Arbeitsbeginn um 22 uhr fiel mir diesmal erheblich leichter als das letzte Mal. Offensichtlich gewöhne ich mich daran und vermutlich war es sehr gut am Abend davor auch lange zu machen. In Frankfurt hatten wir über 2 Stunden Pause und diesmal habe ich die Zeit genutzt, mich kurz hinzulegen und die Augen zu schließen. Wirklich schlafen kann man in so einem Pausenraum kaum. Obwohl, die Kollegin hat mal kurz geschnarcht.

Wirklich mühsam ist es danach wieder richtig wach zu werden. Dabei half uns das kalte Wetter und ein doofer Taxifahrer der uns vor der Nase wegfuhr. Mal ganz kurz Panik kein Taxi zum Südbahnhof zu finden macht sehr schnell wach! Aber alles ging gut, keine zwei Minuten später war wieder ein Taxi da. Und ich weiß jetzt, wo man am Frankfurter Südbahnhof morgens um 4 sehr guten Kaffee bekommt… 

Als wir kurz vor 8 Uhr Richtung Basel Badischer Bahnhof fuhren, sahen wir ein wunderschönes Morgenrot. Zusammen mit mehreren Fahrgästen standen wir im Gang und bewunderten das Schauspiel, das sich leider durch die schmutzigen Fensterscheiben nicht fotografieren ließ. Im Hell werden kamen wir an. Zu Hause trank ich noch eine Tasse Tee, und legte mich schlafen. Und ich hab sehr gut bis etwa 14 Uhr geschlafen.

Wie vertrage ich die Schichten als Zugbegleiter?

Ich muss zwar ständig nachsehen, wann ich arbeiten muss. Aber ich stelle für mich fest, dass ich diesen wechselnden Rhythmus vertrage. Meine Verdauung und mein Schlaf sind gut. Ich komme morgens besser aus dem Bett, naja wenn es nicht gerade 18 Uhr vor der Nachtschicht ist, das finde ich sehr mühsam.

Was durch diese Arbeitszeiten total durcheinander gekommen ist, sind meine Mahlzeiten. Ich esse halt immer dann, wann ich Gelegenheit dazu habe. Also wenn meine „Mittagspause ist“ auch wenn diese um 9 uhr oder erst um 17 Uhr ist. Wenn ich frei habe esse ich wann ich hunger kriege auch sehr unregelmäßig. Trotzdem habe ich abgenommen obwohl ich momentan wegen dem Wetter seltener mit dem Fahrrad fahre.

Beschwerden mit den Beinen oder Füssen habe ich momentan gar nicht. Und auch mein Rücken ist beschwerdefrei. Wenn ich während der Arbeit stehe, dann bewegt sich ja ständig der Boden, also meine Beine und die Rückenmuskulatur sind permanent in Bewegung um die Fahrbewegung des Zuges auszugleichen. Zudem kann ich mich fast immer mal kurz setzen. Etwas trinken oder essen ist auch fast jederzeit möglich, aber Situationsbedingt halt unregelmäßig. Aber ich trinke pro Schicht immer 1-2 Flaschen Wasser a 0,75 Liter. Zur Toilette kann ich auch immer zeitnah, wenn ich muss, denn im Zug ist die Toilette nie zu weit weg… und ich weiß ja stets welche die saubersten sind. Da ich mir meine Arbeit zum Großteil selbst einteilen kann, kann ich mir das so einrichten, dass ich dann dort hingehen kann, wann ich es brauche.

Wie verträgt mein Körper die unterschiedlichen Schichten?

In allen Dienststellen, wo wir unsere Pausen verbringen, gibt es Kaffeemaschine, die auch Kakao und Tee machen kann sowie einen Wasserspender. Ruheräume, Esstisch und saubere Toiletten. Manchmal auch Liegen und Massagesessel. Und grundsätzlich Sitzgelegenheiten, bei denen man die Beine bei Bedarf hoch legen kann. 

Meine nächtlichen Sodbrennenbeschwerden, die ich vor allem vor der Prüfung hatte, sind verschwunden. Allerdings weiß ich jetzt, welche Lebensmittel ich Abends besser nicht essen sollte.

Meine Arbeitstage verlaufen sehr sehr unterschiedlich, mal ist es ruhig und man hat wenig zu tun, mal läuft man die ganze Schicht hin und her und redet ständig… aber alles in allem finde ich es weniger stressig und aufreibend als meine Arbeit im Einzelhandel.

Die Unregelmäßigen Arbeitszeiten erforderten etwas Eingewöhnung. Doch so langsam empfinde ich es fast so, als hätte ich mehr von meiner Freizeit, und das, obwohl ich jetzt 100 % arbeite und nicht mehr wie zuvor 80 %.

In den letzten Wochen konnte ich an fast allen Freizeitaktivitäten teilnehmen, die ich mir vorgenommen hatte. Im Dezember habe ich nur 2 Mal nicht zum Bibelkreis gehen können und einmal traf es die Wassergymnastik. Lediglich ein Sonntagsgottesdienst, bei dem ich auch noch beim Adventsbasar gefehlt habe, hat mit meiner Arbeitszeit kollidiert. Aber ich hatte es frühzeitig anmelden können und so konnte jemand anderes für mich einspringen.

Dieses Bild ist übrigens gestern während der Arbeit entstanden. Meine Aufgabe war es am Bahnsteig auf die Abfahrt zu warten… etwa 20 Minuten im Sonnenschein rum stehen und Sonne geniessen.

Nett finde ich auch der der ICE hinter mir meint ich sei „Klasse“ ;-) haha… man muss auch mal Komplimente von einem Fahrzeug annehmen können.

Weitere Informationen über meinen Beruf Zugbegleiter findest Du im Gleichnamigen Blogpost.

7 Kommentare zu „Wie vertrage ich die Schichten als Zugbegleiter im Fernverkehr?“

  1. […] das jeder Tag anders ist. Mehr über meine Erfahrungen mit den variierenden Arbeitszeiten unter „wechselnde Schichten als Zugbegleiter“ Aber das finde ich gerade das schöne und spannende an diesem […]

  2. […] „Wie vertrage ich die Schichten als Zugbegleiter“ […]

  3. […] als Zugbegleiter im Fernverkehr oft sehr unterschiedlich aufstehen. Das habe ich schon mal unter „Wie vertrage ich die Schichten als Zugbegleiter“ […]

  4. […] bin sehr zufrieden damit. Näheres zu den Wechselschichten als Zugbegleiter findest Du auch unter „Wie vertrage ich die Schichten“. Samstag Abends weg gehen kann ich an meinen freien Wochenenden. Und diesen Monat freue ich mich […]

  5. […] sind unsere Schichten als Zugbegleiter auch sehr verändert. Statt wie gewöhnlich Mittagsplause in Mannheim oder Frankfurt wo es […]

  6. […] „Wie vertrage ich die Schichten als Zugbegleiter“ […]

  7. Avatar von Unterwegs mit mir

    Ich fahre ja dienstlich relativ oft mit der Bahn und es gut das auch mal aus der anderen Brille (hahaha) zu sehen. Dieser ständige Wechsel wäre nix für mich ich habe schon Stress wenn ich mal um 8 mit der Bahn losmuss. Häufig ist es aber eher 6… dann wird es auch eine schlechte Nacht. Aber über Hannover nach Köln oder Nürnberg habe ich aber dann genug Zeit um etwas zu dösen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

ich bin Uschi

Meine Leidenschaft „unterwegs sein“ habe nun endlich durch einen Quereinstieg zu meinem Beruf gemacht. Mit über 50 habe ich einen beruflichen Neuanfang gewagt. Hier im Blog berichte ich von meinen Leben als Zugbegleiterin im Fernverkehr, meinen Konzertreisen und allem was mich sonst noch so bewegt.

Da ich mich auch gerne mit Handarbeiten beschäftige, findest Du auf meiner Seite auch einige Handarbeits-Anleitungen aus verschiedenen Bereichen.

Folge mir auf diesen Wegen:

Entdecke mehr von Unterwegs ist das Ziel

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen