In meinem heutigen Blogbeitrag möchte ich mal auf ein paar Extreme, die mir in meinem Beruf als Zugbegleiterin schon begegnet, sind eingehen. So oft werde ich gefragt, ob es nicht manchmal schwierig sei mit eventuell aggressiven Menschen. Seit dem Sommer 2023 bin ich nach einem Quereinstieg als Zugbegleiterin im Fernverkehr tätig und bisher hatte ich noch nie wirklich jemanden der gegen mich aggressiv wurde. Aber das ist natürlich Empfindungssache und ist vielleicht im Nahverkehr eher ein Problem.
Als Erstes will ich jedoch betonen, dass es sich bei den nun folgenden Beispielen um seltene Einzelfälle handelt und die meisten meiner Fahrgäste nett und normal sind.
Einer schläft immer
Meine Dienststelle ist der Grenzbahnhof Basel. Viele ICEs enden planmäßig in Basel an dem Schweizer Bahnhof, manche jedoch schon 7 Minuten eher am „Badischen Bahnhof“ oder bei extremer Verspätung auch mal schon in Freiburg. Auch Züge, die ursprünglich weiter in die Schweiz fahren, sollten werden hier manchmal „gebrochen“. Das bedeutet, der Zug endet vorzeitig in Basel. Weil stattdessen ein pünktlicher Ersatzzug losgeschickt wird.
Ist dies der Fall dann ist es unsere Aufgabe die Fahrgäste zu informieren. Je früher je besser.
Neulich hatten wir einen Zug der schon in Köln 150 Minuten Verspätung hatte. Das ist extrem viel für einen ICE, der aus Hamburg kommt und bis nach Interlaken fahren sollte (planmäßig). Wie zu erwarten war, wurden wir und die Fahrgäste schon kurz nach Köln informiert. Alle Displayanzeigen wurden geändert, da stand nun nicht mehr Interlaken als Fahrziel, sondern Basel. Gleich nach Köln und nach jedem weiteren Halt wurde durchgesagt das der Zug „Heute nur bis Basel“ fährt!
Meine Aufgabe war es fortan den Fahrgästen die Fragen nach „wie komme ich nach Interlaken, Zürich, Bern,…“ zu beantworten. Doch die meisten fragen meistens nur „bleibt mein Ticket gültig oder brauche ich ein neues?“ Denn viele jüngere Leute finden über das Handy schnell eine neue Reiseroute. Oft sind es besonders ältere Fahrgäste die unsere Hilfe brauchen.
Für uns Zugbegleiter ist so eine Fahrt dann meistens sehr anstrengend und arbeitsreich.
Am Endbahnhof ist es dann unsere Aufgabe den Zug zu räumen. Wir müssen immer komplett durchgehen und auch die Toiletten kontrollieren denn es gibt IMMER IMMER den einen, der es angeblich nicht mitbekommen hat.
Ganz selten schläft jemand wirklich tief und fest, die meisten verpennen solch wichtige Informationen nur, weil die Kopfhörer aufhaben und Film gucken.
Um diese „Besondere Fahrgäste“ müssen wir uns täglich kümmern.
Letztens hatte ich aber eine Dame mit High Heels, pling pling, 15 cm langen Fingernägeln und aufgespritzten Lippen die seelenruhig in ihren Handspiegel geguckt hat und blöd gefragt hat „sind wir schon in Zürich?“
Angstpatienten?
Eher sehr selten begegnen mir im Zug Menschen die vor irgendwas überhöhte Angst haben. Manche erschrecken über die Maßen, wenn man sie anspricht und sie fühlen sich dadurch bedroht. Ich versuche die Situation dann zu entschärfen in dem ich etwas mehr Abstand halte, das ist aber in einem vollen Zug nicht immer leicht.
Kürzlich war ich mit dem Giruno unterwegs (das ist ein schweizerisches Fahrzeug mehr darüber im gleichnamigen Blogpost). Dieses Fahrzeug hat die Eigenheit, das die Türen alle einzeln von alleine zugehen, sobald keiner mehr durchgeht. Ich hatte meine Türe frei geschlossen und alle anderen waren schon wieder zu. Da stellten sich zwei Frauen direkt vor meine Türe und glotzten diese an. Ich konnte dieses Verhalten nicht ganz deuten, aber meine Aufgabe war es in dem Moment zu beurteilen ob der Ein- und Ausstieg abgeschlossen ist oder nicht. Also fragte ich die Beiden; „Rein oder Raus?“
Die eine zuckte zusammen und die ältere Frau wiederholte ganz ruhig „möchtest Du rein oder raus?“ … es folgte die Bandansage „Bitte Einsteigen, die Türen schließen Automatisch“, daraufhin gingen die beiden langsam in die ebenerdige Türe hinein und blieben genau da stehen. Ich meldete dem Zugchef fertig (mit dem Arm winken) und wollte einsteigen, doch genau in dem Moment mach die jüngere Frau einen Schritt zurück auf mich zu. Ich war leicht genervt und sagte „Achtung ich komme jetzt!“
Die Frau drehte sich zu mir um mit panischem Blick und sagte „Nein ich kann nicht, ich habe Angst“
Oh nein, das konnte ich genau in diesem Moment nicht brauchen! Denn ich hatte gerade gemeldet ,es sei alles in Ordnung wir könnten fahren. Wenn sie jetzt versuchen würde auszusteigen könnte das zu einer gefährlichen Situation führen. Dies musste ich unbedingt verhindern. Binnen Sekunden musste ich entscheiden was zu tun ist. Ich entschloss mich für Beruhigen. Langsam sagte ich zu ihr „Doch das können Sie! Sie schaffen das!“
Ich sah wie ihr Tränen in die Augen schossen und sagte „kommen sie, wir machen das zusammen, ich zeige ihnen wie ich die Türe zu mache und gucke das alles in Ordnung ist“. „Oh sie haben heute Glück, heute haben wir den nagelneuen Giruno, allerdings nur einteilig, dadurch sind wir im Augenblick doppelt so viel Personal wie geplant. Wenn Sie wollen bleibe ich bei ihnen in der Nähe“. Sie freute sich total, dass ich auf ihre Angst vor dem Zug fahren so einging. Die ältere Dame war ihre Therapeutin, die mit ihr das Zugfahren übt und diese sagte mir später, das ich genau richtig reagiert hätte.
Im weiteren Fahrtverlauf kam ich mehrmals bei den beiden vorbei und konnte an ihrer Körpersprache erkennen, dass sie sich immer mehr entspannt und sie keine Angst mehr hat.
Totale Spinner
Neulich war ich nach einer Übernachtung in Frankfurt morgens um 6 Uhr im ICE eingeteilt. Beim Einstieg alles normal, frühmorgens sind die Leute noch müde. Sind meistens ruhiger und „wimmeln“ nicht herum. Unmittelbar nach der Abfahrt wollte ich einen Kontrollgang machen und dabei die Fahrgäste zählen, doch da kam mir ein junger Mann entgegen „kommen Sie mal bitte!“ Ich folgte ihm in den letzten Wagen und sah einen etwas ungepflegten Mann im Mittelgang stehen, dreckige Jogginghose und kaputte Jacke, wild mit den Armen gestikulierend. Ich dachte zuerst, der hat bestimmt keine Fahrkarte, aber warum holt mich der andere? Braucht der Typ Hilfe?
Der ungepflegte Typ drehte sich zu mir um und sagt „hau ab ich fahre nur bis Flughafen“. Er begann eine Art Predigt wirres Zeug a la „Das Paralleluniversum schlägt zurück, die Regierenden wollen das verheimlichen, ihr seid alle Opfer einer Gehirnwäsche“. Ich rief den Zugchef an mit der bitte die Polizei zu rufen. Die Sprüche des Typen wurden immer wirrer. Und ich brüllte zurück: „Ey sei leise, hör auf meine Fahrgäste zu stören!“ und der Typ meinte „Wie? Das sind nicht Deine Fahrgäste, das sind meine! Dieser ICE gehört mir!“
Endlich kam der Zugchef und erkannte sofort die Situation: „was hast Du denn zu sagen? Sags doch erst mal mir“ versuchte er den Typen zur Ruhe zu bringen. Als ihm das nicht gelang, drängte er (den, mittleren Weile das Weltende für 8 Uhr Prophezeienden) hinter eine automatische Glastüre und schaltete diese einfach aus. Der Typ war nun durch eine Glaswand von den anderen Fahrgästen getrennt. Er brüllte was von „ihr werdet alle sterben!“ Zugchef und ich stellten uns vor die Glastüre, mit dem Rücken zu dem Spinner. Um ihm zu zeigen, dass er uns nicht beeindrucken kann, und den anderen Leuten die Angst zu nehmen. Mit den Fahrgästen vor uns begannen wir normalen Smalltalk.
Die Fahrgäste im Wagen waren wirklich froh, dass wir da waren und einzelne bedankten sich bei mir. Der Typ ist im nächsten Bahnhof von der Polizei aufgegriffen worden, denn wir hatten ja seinen Strandort mitgeteilt.
Aus dem Alltag einer Zugbegleiterin
Das waren jetzt nur ein paar Begebenheiten aus meinem Arbeitsalltag. Manchmal sind wir eben auch ein bisschen Therapeuten, Erziehen oder Securitys. Wenn Du noch mehr solcher Anekdoten lesen möchtest, dann schreib mir das in den Kommentaren.
Dieser Beitrag wird wieder als Samstagsplausch bei Karminrot sowie im Lesezimmer verlinkt.
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