Obwohl mich Fußball überhaupt nicht interessiert und ich mir vermutlich nur das Endspiel anschauen werde, wenn die deutsche Mannschaft spielt, hat dieser Samstagsplausch dieses Thema. Denn zum ersten Mal betrifft mich diese Veranstaltung beruflich.
Früher, als ich noch im Warenhaus gearbeitet habe, gab es immer wieder mal zur EM oder WM irgendwelche Werbeaktionen, Angebote oder Rabatte um die Verkäufe anzuregen, aber so wirklichen Einfluss auf unsere tägliche Arbeit hatte das Event kaum.
Doch dieses Mal findet das Turnier hier in Deutschland statt und ich als Zugbegleiter habe direkt mit den Zuschauern, die zu den Spielen an- und abreisen zu tun.
Die Schotten sind da!
Bisher habe ich mich kaum mit dem Spielplan beschäftigt, aber dass gestern Schottland gespielt hat, konnte ich nicht übersehen. So viele Männer in Schottenröcken waren unterwegs, um ihre Mannschaft im Stadion oder beim Public Viewing zu unterstützen. In meinen Zügen waren sie nicht, aber auf den Bahnsteigen in Frankfurt, Mannheim und Karlsruhe waren sie in ihrem bunten Rocken kombiniert mit meist weißen T-Shirts klar erkennbar. Die meisten Männer trugen dazu Sneakers, manche sogar handgestrickte Socken oder gar Kniestrümpfe.
Zum Glück habe ich diese Woche „Frühschichten“ und bisher waren meine Züge gut voll, aber nicht überfüllt. Aber manche Fußballfans beginnen schon frühmorgens mit dem „Vorglühen“ und trinken Bier oder andere alkoholische Getränke. Viele Gruppen haben sich ihr flüssiges Proviant schon mitgebracht. Aber so mancher kauft sich das auch unterwegs. So kam es, dass ich gestern Vormittag schon statt Kaffee Bier und Sekt verkauft habe… ! Außergewöhnlichen Situationen dürfen wir auch gerne mit außergewöhnlichen Handlungen begegnen.
Das Arbeiten in so einem mit vielen Fußballfans besetzten Zug ist sicher nicht jedermanns Sache und erfordert Nerven und Fingerspitzengefühl. Denn die Gruppen sind oft laut und manchmal auch etwas rücksichtslos gegenüber anderen Reisenden. Deshalb müssen wir diese immer ein wenig im Blick behalten, um notfalls einzugreifen. Und wenn ich mehrmals hin und her laufe, um Kaffee und Getränke zu verkaufen, merken die ja gar nicht, dass ich sie nebenbei beobachte, ob die Stimmung nicht vielleicht kippt.
Die Fahrkartenkontrolle ist bei den Gruppenfahrscheinen meistens sehr schnell erledigt, weil 10,20,30 oder sogar mehr Personen auf einem Ticket stehen. Ich frag’ mich dann durch „wer ist Euer Chef?“ und der hat dann die Fahrkarte. Dieser soll mir dann zeigen, wer zu seiner Gruppe gehört und wer nicht. Oder ich frage nach dem Vornamen und brülle in den Wagen „Wer gehört zu Erwin?“, das finden die Leute meistens sehr lustig.
Hopp Schwiiz
Und heute spielt die Schweiz! Das weiß ich seit spätestens heute Morgen um 6 Uhr, als mein Zug im SBB (Schweizer Bundesbahn) Bahnhof in Basel bereitgestellt wurde. Denn die Fahrgäste, die Fahrgäste die, die Rolltreppe herunterkamen waren alle in Rot gekleidet, den Schweizer Nationalfarben. Der Zug füllte sich binnen weniger Minuten, mehr als 75% der Fahrgäste waren Fußballfans, dazwischen nur ein paar normale. Und sie waren fast genauso feuchtfröhlich wie die deutschen Fans gestern. Ich habe die Gastro-Kollegen in der ersten Klasse unterstützt und ich hatte alle Hände voll zu tun. Bis Mannheim war ich so beschäftigt, dass ich nicht eine Minute saß. In Mannheim stiegen die Fangruppen um, denn sie wollten zum Spiel nach Köln.
Trotz der vielen ausländischen Fans in den Zügen kam es in meinen Zügen nicht zu solchen Situationen wie ich sie 2022 unter „Fussballfans und Fahrräder im ICE“ beschrieben habe.
Mal eben schnell „helfen“
Gestern als wir den Zug von Frankfurt zurück nach Basel übernahmen. Meine Aufgabe ist es dann am ersten Wagen des Zuges zu stehen und aufzupassen, ob noch Fahrgäste mit wollen. Eigentlich ein Moment wo man sehr aufmerksam sein muss, um rechtzeitig Rückmeldung zu geben, dass wir abfahren können.
Genau in dem Moment spricht mich eine junge Frau an, und fragt außergewöhnlich blöd „wie komme ich zur S-Bahn?“, schon fast etwas barsch antworte ich ihr das sie hier falsch sei und sie wiederholt „wie komme ich zur S-Bahn?“ in dem Moment erkenne ich, das irgendwas mit ihr nicht stimmt… sie verdreht die Augen und sinkt in sich zusammen! Der Kollege, der zum Glück ein sportlicher 2 m Hühne ist, fängt sie auf und wir setzen sie vorsichtig in die Mitte des Bahnsteigs. Erst mal weg von dem Zug, der ja gleich losfahren soll! Sie stammelt was von „Unterzucker“ und „Cranberries“ und mit zitternder Hand deutet sie auf die Vortaschen ihres Rucksacks. Ich durchsuche ihren Rucksack nach den gewünschten Beeren, finde den Beutel und gebe ihr ein paar in die Hand. Der Kollege stützt sie, ein Passant reicht ihr eine Flasche Wasser, eine weitere Bahnkollegin kommt dazu. Eine Passantin gibt sich als Ärztin zu erkennen. Erst jetzt, da genug Leute da sind, die ihr weiter helfen können, löse ich mich von der Situation und gehe zurück zu meiner Aufgabe am Zug. Trotzdem verlassen wir pünktlich den Frankfurter Hauptbahnhof. Meine Zugchefin, die am anderen Ende des Zuges auf mein Zeichen gewartet hat, hatte von dem Zwischenfall gar nichts mitbekommen, weil wir von den vielen Menschen auf dem Bahnsteig verdeckt waren. Meine Hilfe für diese Frau, die ich vermutlich nie wieder sehe, beschränkte sich auf 1-2 Minuten. Aber ich vermute, dass sie mich deshalb angesprochen hatte, weil sie gemerkt hat, dass sie gleich ohnmächtig wird und jetzt schnell Hilfe braucht. Wie es ihr später erging, weiß ich nicht.
Mein Beruf kann kurz mal stressig sein, aber es macht mir Freude, weil ich das Gefühl habe am richtigen Ort zu sein. Die kommenden Tage werden sicher noch sehr trubelig wegen der Europameisterschaft, aber mir macht der Trubel Spaß. Allerdings weiß ich nicht, ob ich die kommenden Tage Kopf zum hier schreiben habe. Trotzdem herzlichen Dank für Deinen Besuch auf unterwegsistdasziel.blog.
Dieser Text wird wieder bei Karminrot und im Lesezimmer verlinkt. Und hier gehts zum Samstagsplausch von letzte Woche








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