Du oder Sie?

Dieser Beitrag kommt leider zu spät, um noch beider Blogparade #relevant mitzumachen. Trotzdem möchte ich heute diese Frage behandeln, ob man sein Gegenüber mit Du oder Sie anspricht.

„Du“ war für mich neu

Im Sommer 2023 habe ich mich beruflich massiv verändert. Nachdem ich 35 Jahre im Einzelhandel gearbeitet hatte, wollte ich endlich etwas ganz anderes machen. Mehr zu meinen persönlichen Gründen beschreibe ich unter „Warum ich neu Anfangen wollte“.

Schon am ersten Tag meiner Umschulung zur Zugbegleiterin im Fernverkehr brachte eine massive Veränderung für mich. Mein zukünftiger Chef erklärte uns das wir uns bei der Deutschen Bahn duzen. Nur ältere Kollegen werden auf deren Wunsch hin weiterhin gesiezt. Die Grenze sei so „etwa 50 Jahre“ und mein direkter Vorgesetzte stellte mir die etwas peinliche Frage „nun, ich kenne Ihre Bewerbungsunterlagen, deshalb weis ich das Sie über 50 sind… möchten Sie das ich Sie sieze?“

Ähm Nein!

Wir saßen im Schulungsraum mit 3 anderen Gruppenleitern, zwei Vertretern der Gewerkschaft, die Schulungsleiterin und allen „Azubis“ der Quereinsteiger-Gruppe, die mit mir begonnen hatten. Ich schätze es waren nur ein oder zwei Personen älter als ich. Von den Quereinsteigern war ich die einzige über 40…

Alle anderen kennen sich schon lange untereinander oder sind jünger. Ich wäre unter allen Anwesenden die einzige gewesen die von den anderen gesiezt würde. Das wollte ich nicht, denn das hätte sich für mich schon fast wie Diskriminierung angefühlt.

Dennoch muss ich zugeben, dass es mir die ersten Wochen noch schwerfiel Vorgesetzte und andere Respektspersonen wie Trainer usw. zu duzen. Umgekehrt fand ich es jedoch eher angenehm, wenn mich die anderen mit Du ansprechen.

Mein Blogpost zu diesem Thema damals „Duz-Kultur verstehen“

Ein „Du“ ist einfacher

Doch schon die ersten Tage in meinem Beruf Zugbegleiter im Fernverkehr fand ich schnell heraus, warum ein grundsätzliches Du gegenüber Bahn-Kollegen sinnvoll ist.

Für mich als Neuling war es zu Anfang schwierig zu beurteilen ob und wie gut sich die Kollegen untereinander kennen. Denn ich dachte, es sei wichtig zu wissen „wie gut kennen die sich und wie gut kann der Zugchef den entsprechenden Kollegen einschätzen und einteilen?“

Meistens werden wir für jede Schicht „neu zusammengewürfelt“ wir wissen vorher nicht, mit wem wir an dem Tag zusammen unterwegs sind. Manchmal wechselt das Team auch beim Zugwechsel.

Manchmal hat man nur wenige Minuten für ein „Teambriefing“ also auch zum Kennenlernen. In so einer Situation wäre es nur nervig und störend wenn man dann noch über die Frage „Du oder Sie“ diskutieren müsste.

Ganz ehrlich manchmal ist es so hektisch und stressig dann möchte ich noch darüber nachdenken müssen „Sag ich jetzt Sie oder Du zu xy?“ oder „habe ich versehentlich den Zugchef geduzt?“

Ein Du kann sicherheitsrelevant sein:

Manchmal kommt es im Zug zu Situationen wo man einen Kollegen hinzurufen muss. Selbst wenn ein Fahrgast nur sagt „Ich will ihren Chef sprechen“. Wenn ich dann den Zugchef für den Fahrgast hörbar anrufe und sage „kannst Du bitte herkommen?“ dann wird dem Bittsteller schon gleich suggeriert „die zwei kennen sich und halten zusammen“ wenn dann noch der Chef sagt „Die Zugbegleiterin hat recht“ dann ist oft die Diskussion schon erledigt.

Würde ich in der Situation am Telefon sagen „Herr Müller können Sie bitte herkommen“ glaubt der Fahrgast er könne mit „Ihr untergebener hat einen Fehler gemacht“ weiter kommen.

Leider gibt es auch Situationen wo Fahrgäste uneinsichtig oder aggressiv und auch da wirkt ein „Hilf Du mir!“ deeskalierend. Denn, wenn der Betreffende denkt, das Personal kennt sich gut und hält zusammen überlegt er sich dreimal, ob er weiter aggressiv auftritt.

Ganz besonders Hilfreich finde ich diesen Effekt, wenn ich fremde und eigentlich unbeteiligte Kollegen um Hilfe bitten muss. Denn, wenn eine Situation eskaliert hilft es oft, wenn eine weitere Person in Dienstkleidung dabei steht. Der Aggressor nimmt nur wahr das da mehrere Kollegen sind die sich Duzen (also kennen) und ahnt nicht das da plötzlich zufällige Passanten uns bei unserer Tätigkeit unterstützen.

Ein Außenstehender kriegt so gar nicht mit, ob wir uns wirklich kennen und wir gerade wirklich die gleiche Aufgabe haben.

Du oder Sie zu den Fahrgästen?

Grundsätzlich lernen wir das wir unseren Fahrgästen auf Augenhöhe begegnen sollen, also nicht von oben herab. Aber dennoch mit Respekt und Fingerspitzengefühl. Ob wir eine Person duzen oder siezen bleibt jedem Mitarbeiter individuell überlassen.

Ich für meine Person halte es so, das ich ältere Personen grundsätzlich Sieze, wenn ich sie nicht kenne. Wenn jemand etwa gleich alt ist meistens auch. Besonders weil ich im Alter schätzen nicht so gut bin und ich von Außenstehenden meistens für jünger gehalten werde als ich bin.

Meine Grenze liegt also so bei etwa 40 Jahre. Kommt aber ganz stark auf die Situation an.

Einen 50-60 jährigen Fussballfan mit Trikot und Bierdose in der Hand würde ich eher Duzen als Siezen. Wohingegen einen 25-30 jahre jung aussehenden elegant gekleideten Bussinessmensch mit Anzug und Kravatte gesiezt wird. Es kommt also auch auf die Ausserlichkeit der Person an.

Es kommt auch ganz stark darauf an, was ich von der Person in dem Moment will. Bei der Fahrkartenkontrolle versuche ich freundlich und höflich zu sein und achte deshalb eher auf ein Sie.

In Gefahrensituationen, oder wenn es wichtig ist das der Andere sofort reagiert wechsele ich oft in das persönlichere Du. Denn der Satz hat plötzlich eine viel genauere Wirkung:

„Bitte geben Sie den Mittelgang frei“ klingt wie, irgendwer soll was machen, aber nicht ich. Sage ich jedoch „Geh Du mal auf die Seite“ weist die Person, das sie auch wirklich gemeint ist.

Im Notfall „DU“ !

Im Zuge unserer Ausbildung haben gelernt das wir im Falle eines wirklichen Notfalles gegebenenfalls einzelne Personen direkt mit Du ansprechen sollen. Denn:

„Ein Helfen Sie mir“ klingt viel zu allgemein und keiner fühlt sich wirklich angesprochen. „Hilf Du mit dem Roten Pulli mir“ ist dabei ganz klar. In Gefahrensituationen kann es dazu kommen das ich verschiedene Menschen schnell und präzise anweisen muss.

Zum Beispiel „Nimm Du das Kind auf den Arm“, „Hilf Du der alten Dame beim Aussteigen“. Denn unter Umständen führt zu langes „soll ich oder soll ich nicht, oder macht es ein anderer“ für weitere Gefahr.

Wir müssen uns regelmäßig im Selbstrettungskonzept üben. Hoffen aber dieses niemals zu brauchen.

Im Alltag habe ich nur schön öfter die Zeigefinger-Du gebraucht wenn Fahrgäste anhgeblich nicht verstehen was „nehmen Sie bitte diese Koffer aus dem Fluchtweg“ bedeutet. Nach meiner freundlichen Bitte folgt dann manchmal das etwas schärfere „Du – Das- Weg!“ Das wird dann plötzlich besser verstanden.

Wobei das wirkliche Problem dabei nicht immer die Sprache ist, sondern einfach die Dummheit/ Arroganz der Leute die meinen „mich kann sie nicht meinen, ich muss nix tun“. Wird so jemand dann direkt mit Fingerzeig angesprochen reagiert er dann auch endlich.

In meinem Beitrag „Berufseinstieg als Zugbegleiter: die Duz-Kultur verstehen“, habe ich das Thema schon mal behandelt.

3 Kommentare zu „Du oder Sie?“

  1. […] In meinem letzten Beitrag zu #relevant schreibe ich auch über „Du oder Sie“. […]

  2. […] Uschi: Du oder Sie? […]

  3. Avatar von Hannelore

    Hallo Uschi,
    das war früher selbstverständlich, dass wir Kollegen erstmal gesietzt haben. Ich finde das Sie bei fremden Menschen gibt einen gewissen Abstand und ich finde auch das direkte „geduze“ muss nicht sein.

    Na, ja wenn man jemand anspricht und ihn um etwas bittet, sollte er schon egal ob Du oder Sie reagieren.

    Also z.B. wenn mich jemand fragt können Sie vielleicht dieses machen und mich direkt anschaut, dürfte es doch klar sein, dass er mich meint.

    Grüße
    Hannelore

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ich bin Uschi

Meine Leidenschaft „unterwegs sein“ habe nun endlich durch einen Quereinstieg zu meinem Beruf gemacht. Mit über 50 habe ich einen beruflichen Neuanfang gewagt. Hier im Blog berichte ich von meinen Leben als Zugbegleiterin im Fernverkehr, meinen Konzertreisen und allem was mich sonst noch so bewegt.

Da ich mich auch gerne mit Handarbeiten beschäftige, findest Du auf meiner Seite auch einige Handarbeits-Anleitungen aus verschiedenen Bereichen.

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