Heute begrüße ich Dich zu meinem zweiten Samstagsplausch im neuen Jahr und es könnte sein das dieser Text nicht ganz so fröhlich wird, wie der von Silvester in Frankfurt.
Obwohl diese Woche sehr entspannt mit einem freien Wochenende begonnen hatte. Bei uns in Baden-würtemberg ist „Heilige drei Könige“ ein gesetzlicher Feiertag und dieser fiel dieses Jahr auf den Montag. Ganz im Gegensatz zu Weihnachten und Neujahr hatte ich diesmal Glück und auch ein verlängertes Wochenende frei.
Drei freie Tage am Stück haben mir sehr gutgetan. Doch irgendwie kam ich trotzdem nicht zum Bloggen. Aber ich habe mich mit Planungen für das neue Jahr beschäftigt. Eines meiner klar definierten Ziele für das neue Jahr ist das hier:

Diese Schachtel möchte ich bis zum 1. Advent mit selbst gestrickten Socken füllen um diese für den Adventbasar in unserer Kirchengemeinde zu spenden. Im Vergangenen Jahr nutzte ich für diesen Zweck noch eine Schuhschachtel doch nun habe ich mich für ein größeres Behältnis entschieden.
Denn wie Du erkennen kannst liegen da schon Socken drin. Von Anfang Dezember bis zum 6. Januar hatte ich bereits zwei Paar fertig gestellt. Mir ist zwar klar das ich diese Tempo im Sommer nicht aufrecht erhalten werde. Aber ich versuche meinen aktuellen Schwung beim Sockenstricken auszunutzen und frühzeitig vorzusorgen. Um mich zusätzlich zu motivieren werde ich diese Schachtel immer mal wieder fotografieren und zeigen wie sie sich füllt… so der Plan, mal sehen wie lange ich das durchhalte…

Dunkle Jahreszeit
Momentan ist die dunkelste Jahreszeit, auch wenn theoretisch seit dem 21.12. die Tage wieder länger werden ist davon noch nicht viel zu spüren. Ich muss zugeben das drückt mir selber auch ein wenig auf die Stimmung. Im Grund verlasse ich morgens im Dunkeln meine Wohnung und wenn ich nach der Arbeit zurück bin wird es gleich dunkel oder es ist gefühlt schon Nacht.
In diesem Zusammenhang kann ich verstehen das depressive und verzweifelte Menschen gerade jetzt eine sehr schwere Zeit durch machen. Die Statistik zeigt, das im November bis Januar besonders viele Suizidversuche unternommen werden.
Schattenseiten
Als ich mich für den Beruf der Zugbegleiterin im Fernverkehr entschlossen habe, war mir klar das ich früher oder später mit dem Thema „Selbstmörder auf der Strecke“ in Berührung kommen würde. Leider ist die Idee sich vor einen Zug zu legen bei Menschen die ihrem Leben ein Ende bereiten wollen sehr beliebt. Denn bei den modernen Hochgeschwindigkeitszügen gibt es dabei nur äusserst geringe Überlebenschancen.
Ich mache diesen Beruf nun seit 1,5 Jahren und es war nur eine Frage der Zeit wann ich mit so einem Vorfall in Berührung komme. Bisher hatte ich es schon paarmal erlebt das mein Zug wegen einer Streckensperrung warten musste, weil vor uns ein „Personenunfall“ passiert war. Sowas ist zwar ärgerlich aber man realisiert kaum den Unterschied ob man nun wegen einem umgestürzten Baum, einem defekten Signal oder einem Wildtier oder eben einem Menschen warten muss…
Doch gestern hat es mich zum ersten Mal „erwischt“! Zum Glück war ich gerade abgelenkt und im Gespräch und ich habe nicht bemerkt warum mein Zug plötzlich auf freier Strecke eine Vollbremsung macht. Doch Fahrgäste haben wir später erzählt das sie ein „Rumpeln“ wahrgenommen haben.
Eine plötzliche Vollbremsung und unmittelbar danach ein Rufzeichen vom Lokführer ist immer ein schlechtes Zeichen und bedeutet für uns Zugbegleiter automatisch „ups jetzt wird es unregelmäßig!“ wir müssen dann ganz schnell umstellen und uns in die eingeteilten Bereiche begeben. Gestern war dann ganz schnell klar „uns hats erwischt“ !
Binnen Sekunden ist meine Rolle nicht mehr die der netten Schaffnerin die nur die Fahrkarten sehen will, sondern die Aufseherin, Seelsorgerin, Auskunft und Ansprechpartnerin bei allen möglichen Anliegen.
Hat ein ICE einen Personenunfall, dann dürfen die Türen nicht geöffnet werden und kein Fahrgast kann das Fahrzeug verlassen. Meine Aufgabe ist es dann zu verhindern das die Fahrgäste sich „eingesperrt“ fühlen. Also muss ich durch meinen Bereich gehen, kontrollieren ob Lüftung, Klima und Stimmung im Fahrgastraum normal ist.
Als erstes bin ich von Sitzreihe zu Sitzreihe gegangen und habe den Leuten gesagt „bitte machen sie sich darauf gefasst das es jetzt etwas länger dauert“. Logisch fragt jeder zweite „wielange denn?“ aber zu Anfang konnte ich das nicht beantworten. Leute die beim Essen, lesen, stricken oder Kartenspielen waren habe ich dazu angespornt weiter zu machen „ja genau, nutzen Sie die Wartezeit“,
Zum Glück konnte man vom Zug aus nichts sehen! Das „Problem“ war bereits hinter uns und wir sahen nur die Hilfskräfte am Zug vorbeilaufen. Ich musste also nicht Fahrgäste vom „aus dem Fenster gucken“ ablenken. Das kann auch passieren!
Als klar war das ein Todesfall vorliegt wurde komuniziert das wir frühestens 2 Stunden später im nächsten Bahnhof ankommen würden. Weil auf Notarzt, Polizei, Feuerwehr und Totengräber gewartet werden muss. Je nachdem wie die genauen Umstände sind muss sogar noch eine Sondereinheit der Polizei kommen. Was genau gerade passiert kriegen wir im Zug allerdings nicht so genau mit. Und das ist auch gut so.
In diesen über 2 Stunden Standzeit war ich in meinem Bereich permanent unterwegs und habe gefühlt ständig mit Fahrgästen gesprochen. Ich hatte unter anderem englisch und französisch sprechende Leute, denen ich die Ansagen übersetzte.
Eine meiner Hauptaufgaben in so einer Kriesensituation ist die Beobachtung der Leute, damit ich früh erkenne ob irgendwo jemand ausflippt, durchdreht oder ähnliches. Im diesem Fall hatte ich ein paar ältere Mitmenschen die sich sehr viel Sorgen gemacht haben, diese hab ich nach ihrem Fahrziel gefragt, was sie dort machen wollen usw… um ihre Gedanken in eine positivere Richtung zu lenken. In einem Wagen habe ich die Leute unterbewusst miteinander bekannt gemacht… „ach sie fahren nach Köln, die Dame mit dem roten Pulli auch, wollen sie sich vielleicht austauschen“
An anderen Stellen haben Fahrgäste sich gegenseitig beruhigt „beim letzten Mal hat es auch so lange gedauert, das ist normal, da braucht man einfach nur Geduld“
Die wichtigste und brennenste Frage überhaupt war meistens „ist mein Ticket auch für einen anderen Zug gültig?“ „brauche ich eine neue Fahrkarte? Oder gar eine schriftliche Bestätigung?“ Meistens reichte meine Aussage „nein keine Angst, das ist im Computer, das dieser Zug verspätet ist“ aus. Doch für ein paar ganz Nervöse konnte ich eine alternative Verbidung ausdrucken. Für manche ist es einfach wichtig „etwas schriftliches in der Hand zu haben“.
Während meiner Umschulung wurde mir beigebracht „Manchmal musst Du die kostenlosen Kekse einsetzen“ und ich verstand damals nicht was damit gemeint war. Gestern wusste ich es dann. Um die Fahrgäste abzulenken und positiv zu stimmen, habe ich diese kleine Geste genutzt. Unglaublich was man mit einem Tablett voller einzeln verpackter Kekse mit der Aufschrift „Lieblingsgast“ erreichen kann.
Wie geht es Dir?
Diese Frage wurde mir gestern mehrfach gestellt. Sowohl von den Führungskräften als auch von den Kollegen untereinander. Dabei geht es darum das wenn ein Mitarbeiter mit der Situation ein Problem hat, das er darüber reden kann und sich auch notfalls krank melden darf. Ich fühlte mich in diesem Zusammenhang wahrgenommen und gewertschätzt. Wofür ich sehr dankbar bin. Nicht jeder Kollege macht solche Erfahrungen in Kriesensituationen.
Mir ging es mit dieser Sache auffällig gut, weil ich das Gefühl hatte gerade jetzt von meinem Fahrgästen „gebraucht“ zu werden. Nicht weil ich irgendwas für sie tun „muss“ sondern weil ich einfach nur „nett sein kann“ und damit die Situation verbessere.
Meine Gedanken waren nicht bei dem was vor, unter oder hinter dem Zug passiert ist sondern einzig und allein bei „meinen Gästen“ nun halt mal kurz länger als geplant mit mir unterwegs waren.
Durch diesen Vorfall endete unser Zug im nächsten Bahnhof und wir Mitarbeiter hatten dadurch erst mal eine ungeplante Pause. Ich nutzte diese Zeit um mein mitgebrachtes Essen warm zu machen und zu essen. Mit einem folgenden Zug sind wir dann bis Mannheim weiter gefahren, dieser war völlig überfüllt und wir Mitarbeiter knuppelten uns im Pausenräumchen, es war eng aber lustig, wir teilten Süssigkeiten und Erzählungen… ich glaub wir haben uns damit bissel gegenseitig therapiert. In Mannheim angekommben beschlossen wir gemeinsam in eine Pizzaria zu gehen. Das war eine gute Entscheidung, denn es war lecker und lustig.
Nach einer weiteren Stunde Wartezeit (ich hab Socken gestrickt) ging es dann endlich mit dem ursprünglichen Zug zurück nach hause… also die letzten zwei Stunden habe ich dann endlich das gemacht war eigentlich im Diensplan stand. Als wir dann Feierabend hatten, habe ich gemerkt das mich das ganze doch sehr angesterengt hat, mehr als normal.
Am Abend habe ich nochmal lange mit einer Freundin telefoniert und über das Erlebte gesprochen, das hat mir auch sehr gut getan. In der Nacht konnte ich gut schlafen und heute starte ich ganz normal in einen hoffentlich regelmäßigen Arbeitstag
Diesen Text verlinke ich wie gewohnt bei Karminrot und im Karminroten Lesezimmer. Vielen Dank für Deinen Besuch auf unterwegs ist das Ziel.





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