Letzte Woche hat die GDL (Gewerkschaft der Lokführer) einen Warnstreik ausgerufen. Vom späten Donnerstagabend bis Freitag 18 Uhr waren die Mitglieder dazu aufgerufen ihre Arbeit niederzulegen. In dieser Gewerkschaft sind nicht mehr nur Lokführer organisiert, sondern auch Kollegen aus anderen Tätigkeitsfeldern.

Auch wenn nicht extrem viele Mitarbeiter ihre Arbeit niederlegen, wenn es genau die sind, die dafür sorgen, dass der Zug fahren kann, dann können auch alle anderen ihre Arbeit nicht tun. Ohne Lokführer oder die Personen die Stellwerke und Weichen steuern geht es nun mal nicht.

Wir Zugbegleiter haben eigentlich nicht gestreikt. Aber ohne Zug können wir unsere Arbeit nicht tun. Die offizielle Arbeitsanweisung war, dass wir uns zur geplanten Zeit in der Dienststelle einfinden und melden müssen. Beim letzten Streik haben die betroffenen Kollegen in der Dienstelle einen geselligen Spielenachmittag gemacht, weil sie ja für die Dauer ihrer Schicht anwesend sein mussten, falls doch noch ein Zug fahren kann. Vom letzten Warnstreik war meine persönliche Arbeitszeit kaum betroffen. Meine letzte Zugfahrt endete nur eine Station früher als geplant, aber dadurch das wir schon verspätet waren hatte ich im Endeffekt 10 Minuten früher Dienstende als ursprünglich geplant.

Züge und Schichten fallen aus

Der Bahnbetrieb ist unheimlich komplex und wenn fast 24 Stunden die Züge nicht wie geplant fahren, dann kommt alles durcheinander. Die Fahrzeuge und die Mitarbeiter sind danach ja nicht an dem Ort wo sie eigentlich sein sollten. Aus diesem Grund konnte meine Nachtschicht nicht stattfinden, weil der Zug fehlen würde.

Da dies schon am Tag zuvor klar war, wurde ich gefragt ob ich bereit sei eine andere Schicht zu übernehmen. Was ich sehr gerne bejahte, denn Nachtschichten sind nicht grad meine Lieblingsschichten, und ich hatte auch keine Lust diese in der Dienststelle „absitzen“ zu müssen.

Angeboten wurde mir eine Schicht ab München! Wie soll das denn gehen??? Wie komme ich nach München wenn am Freitag angeblich nichts fährt?

Ich erinnere Dich an letztes Wochenende als durch die Schlagzeilen ging, dass München im Schneechaos versank und der Zugverkehr von und nach München komplett eingestellt war. Das war noch keine 7 Tage her! Ich habe mit ein paar Kollegen gesprochen, die an dem Wochenende zuvor in und um München unfreiwillig gestrandet waren.

Mit dem Zug nach München

Am Freitag den 8.12. wurde auch der Fernverkehr bestreikt und mindestens 3 von 4 ICEs fielen aus. Dennoch fand man einen Zug, mit dem ich fahren konnte, allerdings nicht arbeitend, sondern als „Gastfahrt“. Das bedeutet ich sitze wie ein normaler Fahrgast im Zug und darf in dieser Zeit lesen, spielen, schlafen, essen und trinken, wie ein normaler Fahrgast auch. Einzige Bedingung ich muss in Unternehmensbekleidung unterwegs sein und bei Notfall (Evakuierung oder ähnliches) müsse ich arbeiten.

Da mehrere Züge davor ausgefallen waren, war der Zug sehr sehr voll. Einige Fahrgäste mussten stehen. Aus diesem Grund haben wir Mitarbeiter, die Gastfahrt hatten in den Pausenraum der Gastro-Kollegen zurückgezogen. Dieser Raum ist für ein bis zwei Personen konzipiert. Es gibt nur einen Sitzplatz, doch wir machten es zu fünft gemütlich. Wir saßen auf Koffern und Getränkekisten und waren froh, dass wir überhaupt sitzen konnten. Denn Kollegen die später zustiegen, mussten die meiste Zeit stehen. Denn wir haben Anweisung, dass zahlenden Fahrgäste stets den Vorrang haben.

Aber wir im „Pausenräumchen“ machten das Beste daraus, die meisten von uns hatten schon gut vorgesorgt und so packen wir Kaffee, Plätzchen und Süßigkeiten aus und unterhielten uns angeregt. Wir hatten ja endlich mal lange Zeit zum miteinander quatschen. Mein Zugchef, der genau wie ich nix zu tun hatte, erklärte mir eine für mich neue App. Das ist übrigens normal, Bahnmitarbeiter nutzen solche Situationen gerne um Neues zu lernen und das Wissen zu erweitern. Das merkte ich dann auch, als ich mein Strickzeug rausgeholt hatte. Eine Kollegin wollte von mir das Sockenstricken erklärt haben.

Diese Socke habe ich kurz nach der Abfahrt in Basel begonnen. Und ich habe es genossen, endlich mal wieder Zeit zum Stricken zu haben. Ich hatte bestimmt schon 1,5 Jahre kein Strickzeug mehr in der Hand. Aber ich kann es noch. Und auch Fahrbewegungen und Gespräche mit den Kollegen stören dabei nicht.

Mannheim mussten wir „Pause machen“ und danach mit einem anderen Zug weiter. Mein Kollege hatte sehr große Bedenken das dieser so überfüllt sein könnte das wir nicht mitfahren können. Er erzählte, dass er vor vielen Jahren mal so eine Situation erlebt hat. Dieses Mal war es aber gar nicht so schlimm und wir schafften es wieder in diesen kleinen Dienstraum. Diesmal mit drei anderen Kollegen.

Und auch hier konnte ich Stricken und die Socke wuchs schnell. Was für ein toller Arbeitstag! Eigentlich habe ich meinen absoluten Traumjob, ich bekomme Geld fürs im Zug sitzen und stricken. Währenddessen tue ich alles dafür, um meine Arbeitskraft rechtzeitig dort hinzubringen, wo sie gebraucht wird.

An einem Tag, an dem fast keine Züge verkehrten, kamen wir pünktlich in München Hbf an. Ich habe dieses Foto gewählt weil man da die Uhrzeit halbwegs erkennen kann. Wegen Bauarbeiten habe ich leider kein klassisches „München“ Schild gefunden, nur rechts neben meiner Hand kann man auf dem Bauzaun das Wort München erahnen…

Auf dem Bild kann man auch erkennen, dass der Hauptbahnhof ungewöhnlich Menschenleer war. Dafür hat es mit dem Taxi zum Hotel einwandfrei geklappt. Beides übrigens auch auf Arbeitgeberkosten.

Übernachtung in München

Das Hotel war sehr gut und es waren viele Bahn-Kollegen dort untergebracht. Es hätte auch die Möglichkeit bestanden mit den anderen in der Bar zusammen zu sitzen, aber ich zog es vor alleine im Zimmer zu bleiben und früh schlafen zu gehen.

Über das Hotel darf ich aus rechtlichen Gründen hier nicht schreiben..

Bei Übernachtungen wird uns das Hotel jeweils ohne Frühstück gebucht. Weil wir ja sehr oft schon vor den Frühstückszeiten los fahren müssen. Aber diesmal hatte ich es „chillig“ wir mussten erst nach 8 Uhr los. Hier gönne ich mir einen Kaffee am Münchner Hauptbahnhof.

Die Arbeit im Zug war viel weniger stressig als befürchtet, denn es war nicht so voll wie erwartet. Die Fahrkartenkontrolle ist in solchen Situationen sehr entspannt, weil aufgrund der Kulanzregelungen alle Zugbindungen aufgehoben sind. Durch das Schneechaos am Wochenende zuvor konnten auch Fahrgäste die Tickets von vor einer Woche nutzen.

Am Nachmittag gegen 16 Uhr war ich dann Zuhause und konnte in mein Wochenende starten.

Ich mache gerne „Übernachtungen“

Solche Schichten, bei denen man in einer anderen Stadt übernachten muss, sind nicht bei allen Kollegen wirklich beliebt. Aber ich stelle für mich fest, dass ich das gerne mache. Klar muss man sich beim Aufwachen fragen „Wo bin ich?“, aber diese Frage stellt sich ein Zugbegleiter fast permanent (weil es sich ständig ändert).

Kommendes Wochenende habe ich schon die nächste „Übernachtung“ und zufällig wieder in München. Allerdings kann ich davon ausgehen, dass wir nicht im gleichen Hotel untergebracht sind.

4 Kommentare zu „Streikauswirkungen“

  1. […] schreibe ich immer wieder über besondere und ungewöhnliche Schichten. Wie zum Beispiel bei „Streikauswirkungen“. Manchmal freut man sich auch über ausgefallene Schichten wie bei „Freutag im […]

  2. […] nicht Mitglied. Deshalb streike ich auch nicht mit. Dennoch bin ich betroffen wie ich bereits bei Streikauswirkungen beschrieben […]

  3. […] Schicht übernommen als ursprünglich geplant war. Das ist absolut nicht die Regel und war den Streikauswirkungen geschuldet. Deshalb habe ich meinen Blogpost auch so genannt. Wenn Du das erste Mal hier bist, Du […]

  4. […] Als Zugbegleiterin im GDL-Streik. […]

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ich bin Uschi

Meine Leidenschaft „unterwegs sein“ habe nun endlich durch einen Quereinstieg zu meinem Beruf gemacht. Mit über 50 habe ich einen beruflichen Neuanfang gewagt. Hier im Blog berichte ich von meinen Leben als Zugbegleiterin im Fernverkehr, meinen Konzertreisen und allem was mich sonst noch so bewegt.

Da ich mich auch gerne mit Handarbeiten beschäftige, findest Du auf meiner Seite auch einige Handarbeits-Anleitungen aus verschiedenen Bereichen.

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