Guten Morgen, heute ist Samstag, der 23.12. und ich habe gemütlich Zeit diesen Samstagsplausch zu schreiben. Obwohl ich meine Familie zum Weihnachtsessen eingeladen habe. Denn meine Wohnung ist so aufgeräumt und sauber das ich nicht panikartig aufräumen und putzen muss.
Der Weihnachtssamstag war die letzten 30 Jahre selten so entspannt wie dieses Jahr. Nach dem nervenaufreibenden Weihnachtsgeschäft war dieser Tag meistens noch die Steigerung. Damit meine ich vor allem die Jahre, in denen ich in der Multimedia-Abteilung tätig war. An solchen Tagen mussten wir Verkäufer Höchstleistungen bringen. Mein gesamtes Arbeitsleben glaube ich das müsste immer so sein.
Hochsaison?
In meinem neuen Beruf als Zugbegleiter haben wir in den Tagen vor Weihnachten auch eine „Hochsaison“ . Denn viele Menschen reisen entweder in den Urlaub oder zu Familie und Eltern um das Weihnachtsfest zu feiern. Ähnlich wie im Einzelhandel unbedingt alle bis zum 24. alle Geschenke haben wollen, so wollen nun alle bis zum 24. an ihr Ziel kommen.
Dieser Reiseboom wurde ausgerechnet wenige Tage vor dem Fest durch das Sturmtief „Zoltan“ massiv gestört. Durch Sturmschäden in halb Deutschland gab es die letzten Tage sehr viele Sperrungen und Zugausfälle.
Trotz allem hatte ich keinen extremen Stress, im Gegenteil ich habe heute schon den dritten freien Tag in dieser Woche! Klar gab es einige viele „Unregelmässigkeiten“ aber dennoch musste ich mir nicht den A… aufreißen um meine Arbeit zu bewältigen. Im Einzelhandel war ich nach der Weihnachtswoche nur noch ein erschöpfter Zombie.
Diese Woche hatte ich gleich mehrfach ungeplante Zwischenfälle während meiner Schicht. Bitte habt Verständnis dafür, dass ich Wochentage und Zugnummer sowie weitere Details, die die Situationen nachvollziehbar machen würden, weglassen muss. Derartige Details unterliegen dem Datenschutz.
Verspätungsgrund Türstörung
Also „diese Woche mal“ war ich vor dem Start des Zuges eingeteilt in der ersten Klasse alle Sicherheitseinrichtungen zu kontrollieren. Also solche Dinge wie Feuerlöscher usw. Ich ging durch, fand alles einwandfrei und wollte den Wagen an der letzten Türe verlassen. Aber sie reagierte nicht! Das darf selbstverständlich nicht sein, wegen des Fluchtwegs. Also meldete ich das sofort dem Zugchef. Dieser war gerade am anderen Zugende bei einem ähnlichen Kontrollgang und wies mich telefonisch an, was ich tun könnte, um diese Störung zu beheben.
In der Theorie hatte ich diese Tätigkeiten zwar gelernt. Aber in der Praxis mit Zeitdruck im Hinterkopf habe ich das noch nicht gemacht. Um den Auslöser der Blockade zu lokalisieren, musste ich unter anderem die Trittstufe auf der Außenseite des Zuges verriegeln und entriegeln. Zur besseren Vorstellung, es war frühmorgens bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und wurde gerade erst hell. Das Schloss, das ich dafür bedienen muss, befindet sich auf Bahnsteighöhe (also mal kurz mit dem Hintern auf das Bahnsteig sitzen, um da unten dranzukommen). Ich konnte alle Schritte erfolgreich durchführen und das Problem schien gelöst.
Doch trotzdem konnten wir nicht abfahren, weil der Triebfahrzeugführer (Lokführer) eine Türstörung angezeigt bekam. Wir Zugbegleiter (wir waren nur zwei) mussten, um das Problem zu finden, alle Türen manuell öffnen und dann einzeln den Schließvorgang beobachten, ob irgendwo etwas nicht funktioniert. Also liefen wir ein weiteres Mal den gesamten Zug ab… Aber ich befürchtete, dass es wohl an der von mir entstörten Türe liegen könnte. Vielleicht hatte ich doch etwas falsch gemacht? Schließlich fanden wir den Fehler an der Notendriegelung dieser Türe.
Ein moderner ICE ist „Führerraumüberwacht“, das bedeutet das Fahrzeug kann nicht fahren, wenn eine elektronische Türstörung angezeigt wird. Dieser Sicherheitsmechanismus ist notwendig, damit sich die Türen während der Fahrt nicht öffnen können.
Wenn die Elektronik spinnt
Nur wenige Tage später hatte ich wieder Frühschicht, also wir starten noch vor 6 Uhr in Basel. Es war noch dunkel und die paar Fahrgäste waren fast alle am Dösen. Nach unserem ersten Halt in Freiburg begann ich ganz entspannt die Fahrkartenkontrolle, als unser Zug auf freier Strecke zum Stehen kam. Auf dieser Strecke nichts Ungewöhnliches, weil es hier viele Baustellen gibt. Als es zu lange ging, dachte ich mir, ich schaue mal im Dienstabteil vorbei, ob ich dort Informationen über das Problem bekomme. Als ich auf das Display mit den Fehlermeldungen sah… leuchtete Alles! Noch bevor ich den Chef anrufen konnte wechselte die Anzeige und die zahlreichen Fehlermeldungen schienen sich auf Wagen 4 zu beschränken. Da unter anderem Ausfall Beleuchtung, Beschallung und Lüftung angezeigt wurden, entschied ich da hin zu gehen um zu sehen was stimmt.
In Minutenschnelle musste ich alleine entscheiden, was nun wichtig ist. Den Zugchef konnte ich nicht erreichen, weil er bereits telefonierte. Im Wagen 4 ging die Lüftung nicht . Und in einem anderen Wagen herrschten plötzlich über 30 Grad. Die Displays in an der Decke gingen mehrfach an und aus und zeigten schließlich „Zusätzlicher Halt in Offenburg“. Mir war sofort klar, dass das kein gutes Zeichen ist.
Endlich hörte ich den Zugchef „bitte beachten Sie, dass wir einen außerplanmäßigen Halt in Offenburg haben“. Telefonisch informierte er mich, dass wir vermutlich räumen müssten. Also ging ich auf die Fahrgäste zu und erklärte ihnen, wie sie nach einem Umstieg in Offenburg weiter reisen könnten. Vorbei war es mit dösen, ich musste die Leute auf den kalten Bahnsteig bitten. Der Zugchef machte mehrfach Ansagen und ich ging durch den Zug und erklärte Fahrgästen das die Zugfahrt nicht fortgesetzt werden könne. Da auch Fahrgäste aus dem Ausland dabei waren erklärte ich das auch in englisch und Französisch!
Keine Weiterfahrt möglich
Die Elektronik des Zuges schien total zu spinnen, beim Lokführer wurden mehrere offene oder gestörte Türen angezeigt und die Klimasteuerung schien komplett durcheinander.
Am Zug musste ein Reset durchgeführt werden, dazu muss die Stromversorgung kurzfristig komplett abgeschaltet werden. Dies darf jedoch nicht mit Fahrgästen passieren. Also war es meine Aufgabe dafür zu sorgen, dass alle Menschen den Zug verlassen. Diese hatten dazu aber nicht viel Lust, denn es war kalt und dunkel und der Folgezug noch nicht da.
Ich rannte bestimmt 10 Mal in der ganzen zweiten Klasse hin und her um sicherzustellen das alle Menschen aussteigen. Im dunklen Zug, ohne Lüftung, mit geschlossenen Brandschutztüren … Bis wir den Zug dann letztlich als „defekt“ verlassen durften, hatte ich mein Sportpensum erfüllt!
Mit einem folgenden Zug durften wir Gastfahrt bis Karlsruhe machen und dort in einem anderen Zug unseren Dienst übernehmen. Da wir nun später als geplant unterwegs waren, wurde unsere Pause von Kassel nach Fulda „umgeplant“ und wir bestiegen einen Zug, der offiziell dort gar nicht hält. Sowas nennt sich dann Betriebshalt. Dabei werden die Türen für die Fahrgäste nicht freigegeben und der Halt dauert wirklich nur eine Minute, damit das Personal wechseln kann. Nur so war es möglich, dass wir den zweiten Teil unserer Schicht so wie es geplant war, durchführen konnten.
Sturmtief Zoltan
Am Donnerstag als Zoltan über Deutschland wütete hatte ich frei, was aber nicht bedeutet das mein Dienst davon nicht betroffen war. Am Freitagmorgen als ich in die Dienststelle kam, war schon klar, unser Zug zurück fährt heute nicht. Wir sendeten einen „dispo me“ Wunsch und begannen unseren Dienst wie geplant. Das man manchmal nicht weis, wie man nach Hause zurückkommt darf einen Zugbegleiter nicht nervös machen. Während unserer Arbeit war es viel mehr wichtig unseren Fahrgästen mitteilen zu können, wie sie an ihr Fahrziel kommen können. Für Menschen die nach Hamburg oder gar noch nördlicher wollten, war meine Antwort leider oft nicht sehr positiv. Fast alle Züge Richtung Hamburg fielen aus! Da die meisten Fahrgäste schon durch die Nachrichten informiert waren, ging es jetzt vor allem darum, ihnen Ratschläge zu geben, wo sie am besten aussteigen und auf hoffentlich fahrende Züge warten konnten. Ich denke das gestern kein Fahrgast, der nördlich von Frankfurt gefahren ist, pünktlich dort ankam, wo er hin wollte. Totales Wetterchaos.
noch mehr Störungen
Zu allem Überfluss gab es dann auch noch Probleme zwischen Mannheim und Frankfurt, hier hatten in der Nacht Vandalen kilometerweit Kabel entwendet und somit konnten zahlreiche Strecken nicht befahren werden. Unser Zug wurde über Heidelberg umgeleitet. Also auch Verwirrung bei allen, die in Mannheim umsteigen wollten. Ich hatte wirklich viel zu tun!
Doch dann in Frankfurt angekommen richtiges Chaos. Unsere Ankunftszeit stimmte nicht, Anschlüsse waren schon weg oder noch nicht da. Und was das schlimmste war unsere Ablösung war auch nicht da!
Wir konnten den Zug somit nicht übergeben und nicht in die Pause gehen. Bestimmt 20 Minuten standen wir am Bahnsteig, der Zugchef telefonierte fast permanent und ich versuchte die Fragen der zahlreichen verwirrten Fahrgäste zu beantworten. Manche fragten auch nach dem Zug nach Stuttgart, äh? nach den Informationen in meinem Handy sei der schon längst weg… bis er dann am Bahnsteig gegenüber ankam. Da tauchte auch im gleichen Moment eine Bereitschaft auf, die uns ablöste und wir sprangen spontan mit in diesen Zug Richtung Stuttgart (war bereits über 60 min verspätet!) Mein Zugchef meinte „hauptsache Richtung süden, im Zug schauen wir dann wie es weiter geht!“
Nix war mit Mittagspause in Frankfurt, wir fuhren bis Mannheim, holten uns dort etwas zu essen und stiegen in einen ICE der in Karlsruhe endet… Wenigstens schon mal näher an Zuhause. Im Pausenraum in Karlsruhe trafen wir auf mehrere Kollegen aus Basel die alle irgendwie gestrandet waren. Eine ganz Truppe entschied sich gemeinsam mit uns mit dem ICE 279 nach Basel zu fahren. Normalerweise ist das die Aufgabe der Disposition unser Rückfahrt zu planen, aber ich habe gelernt das in solchen Extremsituationen die Eigeninitiative der Mitarbeiter sehr erwünscht ist. Da dieser Zug einer der wenigen war die fahren konnten war er logischerweise sehr sehr voll. Wir Mitarbeiter wichen deshalb auf das Fahrradabteil im letzten Wagen aus. Zwischen Fahrrädern und Gepäckstücken sassen wir am Boden und auf Koffern aber waren trotzdem guter Dinge weil es jetzt Richtung Heimat ging.

Hier seht ihr mich mit ein paar trotzdem gut gelaunten Kolleginnen, die aus Datenschutzsgründen wie Smilies gucken… Das Bild hat übrigens ein Fahrgast gemacht der daneben sass und fand „ich find euch cool das ihr trotz allem so gut gelaut bleibt“
Durch dieses Sturmchaos kam ich dann 3 Stunden später als geplant in Basel an. Was mich aber nicht sehr stresst. Diese Zeit wird mir als Arbeitszeit angerechnet. Während unser Fahrt konnte ich ein paar Arbeitskollegen näher kennenlernen und nebenbei Sockenstricken. Auch solche Situationen kann man sich gemütlich machen!
Entspannte Weihnachtsvorbereitungen
So nach dieser Erlebnisreichen Woche habe ich dennoch Motivation und Kraft nun mein Küche (Esszimmer) für die Gäste heute Nachmittag/Abend herzurichten. Ich bin weniger gestresst als früher im Einzelhandel. Ob und wie die Züge heute laufen darf mich heute egal sein. Morgen (24.12.) habe ich Dienst, aber das ist ein neuer Tag mit neuen Zügen und neuen Chancen.
Mehr über meine Erlebnisse als Zugbegleiterin unter „Streikauswirkungen“ oder
Dieser Text wird wieder bei Karminrot und dem Karminroten-Lesezimmer im Samstagsplausch verlinkt. Wenn Du zukünftig über E-mail über neue Posts informiert werden willst dann gib bitte unter „Willst Du mir folgen“ Deine E-mailadresse an.
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