Der neue Giruno im Alltag – Eine Zugbegleiterin erzählt

Manche Züge bringen uns einfach von A nach B.
Andere schaffen es, dass wir uns unterwegs wieder ein bisschen mehr als Reisende fühlen – nicht nur als Passagiere. Der neue Giruno gehört ganz klar zur zweiten Kategorie.

Für mich ist das allerdings nicht nur eine poetische Beobachtung von außen.
Ich erlebe diesen Zug nicht vom Sitzplatz aus, sondern vom Gang, vom Dienstabteil, von den Türen, den Übergängen, den Bahnsteigen. Ich bin Zugbegleiter – und der Giruno ist in den letzten Jahren ein Teil meines Arbeitsalltags geworden.

Seit dem Fahrplanwechsel zum Jahreswechsel 2025 ist dieser Zug plötzlich in aller Munde. Erst wurde er von der Presse gefeiert wie ein neuer Messias des europäischen Fernverkehrs, dann folgten Schlagzeilen über Softwareprobleme, Ausfälle und Ersatzzüge. Und irgendwo dazwischen standen wir, die Crews, die diesen Zug nicht aus Marketingfolien kennen, sondern aus Schichten, Umläufen, Störungen, Durchsagen und echten Menschen.

Ein Vogel auf Schienen

Der Name Giruno stammt aus dem Rätoromanischen und bedeutet so viel wie Bussard. Es ist schon lange Tradition, dass schweizerische Triebzüge solche Vogelnamen als Beinamen tragen. Offiziell heißt dieses Fahrzeug allerdings RABe 501 – eine Bezeichnung, die auf dem Dienstplan steht, aber niemandem ein Bild im Kopf macht.

Rätoromanisch ist neben Deutsch, Französisch und Italienisch die vierte Landessprache der Schweiz, heute fast nur noch im Kanton Graubünden gesprochen. Dass ein moderner Hochgeschwindigkeitszug diesen Namen trägt, ist mehr als Folklore. Es ist ein kleines Bekenntnis zu Herkunft – in einem Fahrzeug, das Europa verbinden soll.

Ein aufmerksamer Leser hat kommentiert das Mäusebussard auf Rätoromanisch richtig Girun heisst und Giruno lediglich daran angelehnt ist. Vielen Dank für den Hinweis.

Und ja: Die technischen Daten und die Geschichte dieses Modells kann man bei Wikipedia nachlesen.
Was man dort nicht findet, ist, wie sich dieser Zug nach zehn Stunden Dienst anfühlt.

Plötzlich überall – und doch nicht wirklich neu

Zum Jahreswechsel war der Giruno auf einmal überall. Seit dem 15.12.2025 verkehrt er auf der Strecke Basel – Hamburg und wurde von vielen Medien als große Neuheit gefeiert.

Für uns im Betrieb war das nur teilweise richtig.

Denn diese Baureihe war auch vorher schon regelmäßig in Deutschland unterwegs – als Eurocity 150/151 zwischen Mailand und Frankfurt am Main. Genau auf diesem Zuglauf war ich in den letzten zwei Jahren regelmäßig eingesetzt. Für mich war der Giruno also kein exotischer Neuling, sondern ein bekanntes Arbeitsgerät. (kleiner Funfact: das ist übrigens der einzige Fernverkehrszug der in Ringsheim beim Europapark hält)

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Zugbegleiterin im Fernverkehr in Ringsheim mein Kopf verdeckt die Bahnhofsbezeichnung „Europa-Park“

Was wirklich neu war, war der Einsatz in Doppeltraktion bis Hamburg: zwei Giruno-Einheiten, die wie ein einziger Zug gefahren werden. Technisch komplex – und in der Anfangszeit leider auch fehleranfällig. Es gab zahlreiche Störungen, die sich später als Softwareproblem herausstellten. Nach mehreren Tagen mit ICE-Ersatzzügen kam ein Update – und danach wurde es spürbar ruhiger.

Von außen sah man Chaos. Von innen sah man einen neuen Zug, der erwachsen wurde. Für Laien mag das unprofessionell wirken, das sowas nicht vorher ausgetestet wird. Aber das ist im internationalen Fernverkehr gar nicht möglich, man kann nicht einfach einen leeren Zug durch Deutschland oder halb Europa schicken. Es lässt sich nicht vermeiden das manche Fehler und Probleme erst im normalen Betrieb entdeckt werden.

Ein Zug, der anders tickt

Als Zugbegleiter merkt man sehr schnell, dass im Giruno alles etwas anders funktioniert.

Die ebenerdigen Türen sind ein Traum für Menschen mit Rollstuhl, Kinderwagen oder schweren Koffern. Aber sie bringen auch eine europäische Besonderheit mit sich: Weil Bahnsteige in der Schweiz, Deutschland und Italien unterschiedliche Höhen haben, gibt es im Mehrzweckbereich zwei nebeneinanderliegende Türen auf unterschiedlichem Niveau.

Die Idee dahinter ist großartig.
Allerdings Umsetzung sorgt im Alltag regelmäßig für Verwirrung.

Ich habe unzählige Male erklären müssen, warum diese Tür höher ist als jene. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ist es ein Segen. Für alle anderen ist es erst einmal ungewohnt.

Die Sache mit den Türen

Noch häufiger als diese Frage kommt eine andere:
„Warum geht die Tür einfach zu?!“

Der Giruno schließt seine Türen automatisch, sobald niemand mehr in der Lichtschranke steht. Das spart Energie – und entspricht der Schweizer Praxis. Doch in Deutschland sind die Leute das nicht gewohnt. Im ICE werden die Türen gleichzeitig nach dem Achtungspfiff geschlossen, der Griuno steuert jede Türe einzeln und eigenmächtig. Lediglich die Trittstufen werden nach dem Pfiff zentral eingefahren.

Als Zugbegleiter sehe ich jeden Tag Menschen, die überrascht zurückzucken, wenn sich die Tür schließt. Ich erkläre dann: Einfach nochmal drücken – oder kurz in die Lichtschranke treten.

Wobei ich genau das bei einem ICE der Baureihe 412 (der häufigste in Deutschland) zu vermeiden rate. Und jemand versucht, mit Gewalt eine schließende Tür aufzuhalten. Das kann gefährlich werden. Ich habe die Berichte über schwere Verletzungen bei anderen Zügen im Kopf. Im Giruno kann nichts passieren da die Türen mit Lichtschranken ausgestattet sind.

Ein Arbeitsplatz mit Aussicht

Der Giruno ist hell, offen, ruhig. Er gibt Raum. Und das macht auch meinen Job anders. Der Innenraum wirkt offener und man kann alle Fahrgäste gleich sehen. Durch die niedrigeren Rückenlehnen wirkt der Innenraum weiter und übersichtlicher. Die Fenster sind größer als im ICE, was für die meisten Fahrgäste das fahren angenehmer macht.

Oder die andere Meinung:

Es gibt aber auch Fahrgäste und Kollegen die über die offen gestaltete Raumeinteilung schimpfen. Es gibt kaum „Sitzreihen“ in denen man nur die Rücklehnen der anderen vor sich hat. Und genau das bemängeln diejenigen die sich gerne dahinter verkrümeln. Im Giruno gibt es viel mehr 4er Stitzgruppen und diese verfügen nicht über einen Tisch, der die Personen voneinander trennt. Für Einzelreisende die nicht von einem Gegenüber angeglotzt werden möchten manchmal ein Ärgernis.

Viel Platz für Gepäck, den die Fahrgäste nicht finden

Im Giruno gibt es ein neues anderes Raumkonzept, die einzelnen Wägen sind nicht einheitlich gestaltet. Was nicht selten die Fahrgäste etwas übervordert, weil sie nicht sofort wissen wohin mit ihrem Koffer.

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Auf diesem Bild aus dem Kleinkind/Familienbereich erkennt man die frei hängenden Sitze. Dadurch hat man unter dem Sitz extrem viel Platz um Gepäck zu verstauen. Aber die Leute rechnen erst mal gar nicht damit das hier sogar ein großer Fernreisekoffer drunter passt. Oder sogar ein zusammengelegter Kinderwagen würde hier hin passen, doch auf die Idee kommen die Fahrgäste gar nicht. Kleinere Gepäckstücke kann man aufrecht stehend zwischen die Lehnen schieben.

Wenn man weis wo, bietet dieses Fahrzeug sehr viel Platz um Gepäck sicher zu verstauen. Doch die meisten Fahrgäste nehmen diese Möglichkeiten gar nicht war. Viel zu oft wird sich beschwert, dass die Kofferregale zu kein wären oder die Gepäckablagen über den Sitzen zu weit oben seien… Wobei das gar nicht stimmt, das ist eine optische Täuschung weil die Lehnen der Sitze kürzer sind als bei den ICE Fahrzeugen. Alles nur weil man auf die einfachste Lösung unter und hinter dem Sitz nicht kommt.

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So sieht es im Giruno aus:

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Auch das Interieur des Giruno sieht etwas anders aus. Es gibt weniger Sitzreihen und viel mehr 4er-Sitze, die sich ansehen. Allerdings ohne Tisch dazwischen. Tische gibt es fast nur im Familienbereich und im Businessbereich in der ersten Klasse. Dafür sind aber alle Sitzplätze mit zwei Steckdosen bestückt. Zwei Stück, eine Dose für Schuko-Stecker und eine für den Schweizer Stecker.

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Im Giruno gibt es mehrere Bereiche für Kinderwagen, wo man die Sitze hochklappen kann. Diese Bereiche sind mit Piktogrammen gekennzeichnet. Aber ich mache immer wieder die Erfahrung, dass die Fahrgäste das nicht kapieren. Allgemein muss ich als Zugbegleiterin in diesem Zug den Leuten viel mehr erklären als normal.

Diese Vielfalt der Abstände und Staumöglichkeiten rührt vor allem von den unterschiedlichen Niveaus des Zugboden her. Dadurch das die Einstiegstüren in der Mitte der Wagons Bahnsteigniveau haben muss es stets zum Ende des Wagons etwas „bergauf“ gehen. Weil ja die Räder unter dem Fahrgastraum sind. Also im Giruno geht es ständig bergauf und bergab. Wobei es wirklich nur in einem Wagen eine Treppe gibt, alles andere ist durch Rampen gelöst.

Und auch dieses irritiert viele Fahrgäste. Der Gang ist Stufenlos, doch manche Sitzplätze erreicht man nur über eine Stufe.

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Ein Selfie im Giruno von letztes Jahr

Das Bordrestaurant

Das Wichtigste zuerst, das Bordrestaurant wird von der SBB bewirtschaftet, dadurch können deutsche Gutscheine nicht eingelöst werden. Und auch Bonuspunkte kann man hier nicht sammeln.

Das Bordrestaurant sieht ziemlich chic aus, manchmal liegen hier sogar Tischdecken. Aber man muss wissen hier arbeitet meistens nur ein einzelner Restaurant Mitarbeiter. Einen zusätzlichen „am Platz Service“ in der ersten Klasse gibt es deshalb nicht.

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Der Kleinkinderbereich

Es gibt einen Kleinkind oder Familienbereich, mit liebevoll gestalteten Tischen und Wänden. Hier gibt es extra viel Platz für Kinderwagen. Dieser Wagen ist neben der Türe mit einem Teddybärsymbol gekennzeichnet. Aber man erkennt den Bereich schon von weiterem, denn hier zieren ein liebevoll gezeichnete Hund und Katze die Außenwand des Zuges. Natürlich ist der Hund ein Bernhardiner.

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Tisch im Familienbereich im Giruno. Hier sieht man das es ein schweizer Zug ist: ein Lernspiel mit den schweizer Kantonen.

Ein Schweizer Zug

Dieses Detail an den Gepäckablagen gibt es sonst nur in der Schweiz und in Österreich, und die meisten deutschen Fahrgäste wissen gar nicht was das ist:

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Skihalterungen an den Gepäckfächern

Diese Gummilaschen vor den Gepäckfächern sind eigentlich dazu gedacht das man lange schmale gegenstände dort fixieren kann. Ursprünglich sind sie für Ski gedacht.

Sind keine da, kann man hier ganz einfach das Gepäck drauf legen. Nicht selten muss ich den Fahrgästen erst diesen Tipp geben. Diese Regale sind so konzipiert das man sie unterschiedlich nutzen kann. Was allerdings hin und wieder die Menschen überfordert.

Mein Fazit

Der Giruno ist ein moderner und sehr angenehm leise fahrender Triebzug der sehr schön eingeteilt ist. Was aber leider oft die Fahrgäste etwas überfordert. Ich arbeite eigentlich gerne in diesem Fahrzeug, wobei es für uns Zugbegleiter ein etwas anderes arbeiten ist. Ich muss viel mehr erklären. Wie zum Beispiel die Türen zu den Toiletten…

… aber ich glaube davon erzähle ich Euch das nächste Mal.

7 responses to “Der neue Giruno im Alltag – Eine Zugbegleiterin erzählt”

  1. […] war ich mit dem Giruno unterwegs (das ist ein schweizerisches Fahrzeug mehr darüber im gleichnamigen Blogpost). Dieses […]

  2. […] ruhige Momente wie hier im Giruno waren diese Woche allerdings […]

  3. Avatar von roswitha

    kennst du : Fliegen , Autor Albrecht Selge? eine frau hat eine BC 100 und lebt in zügen. hat mich sehr bewegt, wie dieser blog. danke

  4. Avatar von FrauC
    FrauC

    Wie interessant, vielen Dank für den Bericht! Dann halte ich auf meinen nächsten Reisen mal Ausschau nach dem Giruno und bin gleich auf die Möglichkeiten zum Gepäckverstauen vorbereitet. Wir Menschen sind halt Gewohnheitstiere, und wenn Gepäck bisher keinen Platz unter den Sitzen hatte, rechnen wir nicht damit, dass das in diesem Zug plötzlich geht. Ist ja eine schlaue Idee!

  5. […] Zugbegleiterin: Mit dem neuen Giruno unterwegs: Der Giruno ist ein moderner und sehr angenehm leise fahrender Triebzug der sehr schön eingeteilt is… […]

  6. Avatar von retrofit598

    tiefe Einblicke …..

  7. Avatar von Hannelore

    Hallo Uschi,
    diesen neuen Schweizer Zug kenne ich nicht. Nur die alten EC Züge, wie z. B. den EC 6. Damit bin ich nie gerne gefahren, ich sitze auch lieber auf den zweier Sitzen. Ok, wenn man Rheinstrecke fahren möchte und der Zug passt, dann ist es eben so.
    Heute sind eben die Fahrgäste und das Personal die „Versuchskaninchen“. Als der ICE 1 eingeführt wurde, wurden Testfahrten gemacht, also nicht der ganze sondern in Teilen.
    Bevor die Strecke Köln-Frankfurt in Betrieb genommen wurde, wurden auch Leerfahrten durchgeführt und nachher durften wir Mitarbeiter mitfahren.
    Dein Bericht ist sehr interessant.
    Viele liebe Grüße
    Hannelore (wir hatten am 10.01. ein nettes Gespräch).

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ich bin Uschi

Meine Leidenschaft „unterwegs sein“ habe nun endlich durch einen Quereinstieg zu meinem Beruf gemacht. Mit über 50 habe ich einen beruflichen Neuanfang gewagt. Hier im Blog berichte ich von meinen Leben als Zugbegleiterin im Fernverkehr, meinen Konzertreisen und allem was mich sonst noch so bewegt.

Da ich mich auch gerne mit Handarbeiten beschäftige, findest Du auf meiner Seite auch einige Handarbeits-Anleitungen aus verschiedenen Bereichen.

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